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Unterwegs

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Von: Harry Nutt

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Ein Teil einer historischen Mauer ist in der Wertheimer Altstadt eingestürzt.
Ein Teil einer historischen Mauer ist in der Wertheimer Altstadt eingestürzt. © Christoph Schmidt/dpa

Deutsche Städte sind vielfältig. Doch in der stolzen Kulturlandschaft gibt es auch Liegengelassene - wie eine Herbstreise offenbart.

Obwohl Sprichwörter über tote Hunde und letzte Ruhestätten anderes nahelegen, steht es um das Ansehen des Dörflichen nicht schlecht. Wie es sich zu Empathie zu steigern vermag, hat niemand so genau beschrieben wie Günther de Bruyn in seinem Buch „Abseits“, jener Liebeserklärung an sein brandenburgisches Dorf, in dem er bis zu seinem Tod zurückgezogen lebte. „Dann erst, wenn die Straßen enger und verkehrsärmer werden“, schreibt de Bruyn, „die Dörfer, die man erreicht, schnell wieder enden und sich manchmal auch Ausblicke bieten, die einen zum Anhalten und Aussteigen verlocken, kann man hoffen, dass sich in einem so etwas wie Liebe zu dieser spröden, oft auch abweisenden Schönen regt.“

So oder ähnlich muss die Stimmung wohl sein, in der einige sich bald nach dem Aussteigen dazu veranlasst sehen, ambitionierte Pläne zu schmieden. Ist der Blick erst einmal geschärft, stechen dutzendfach bauliche Aktivitäten ins Auge, die sich an architektonischem Ehrgeiz zu überbieten scheinen.

Die Zeitschrift Landlust hat dazu kürzlich eine Bildgeschichte über Rundlingsdörfer im Wendland präsentiert, in denen sich eine ehemalige Chefredakteurin und andere um die liebevolle Restaurierung ihrer neuen Umgebung verdient machen. Fachwerk, Lehmbauweise und so weiter und so fort.

Aber so viel Dorf kann gar nicht sein, dass einen das Navigationssystem nicht irgendwann zurück in den urbanen Raum führt, der Ernüchterung, wenn nicht gar Entsetzen bereithält. Selbst der flüchtig Reisende vermag sich der Eindrücke nicht zu entziehen, die von Tristesse, Leerstand und Verfall künden. Der verlässliche Gegensatz von Stadt und Land hat Schlagseite bekommen.

Besonders arg betroffen sind kleine und mittlere Städte an Flüssen, Hammelburg an der Fränkischen Saale zum Beispiel, oder Wertheim am Main. Der Trubel der frühen Jahre, in denen das Wort Fremdenverkehr gebräuchlich war, ist hier noch zu spüren. Ein pittoreskes Stadtbild und örtlicher Weinbau haben nicht wenige Orte zu einer fahrlässigen Verbindung von schnellen Vergnügungen und preiswertem Tourismus verlockt.

Die Goldener-Oktober-Stimmung ist vorbei. Vorübergehend geschlossen, Haus zu verkaufen, Ladenlokal zu vermieten – im Immobilienmikado macht man sich gar nicht erst die Mühe, die Vorzüge des jeweiligen Angebots hervorzuheben. Alles muss raus. Dabei braucht es nicht viel, sich die engen Winkel von Wertheim belebt und schön vorzustellen.

Nun aber herrscht Schlussverkaufsatmosphäre. Ist es Zufall oder Zynismus, dass ein riesiges Outlet-Center für Textilien von Armani, Boss, Bogner und Co. kaum zehn Kilometer von Wertheim entfernt auf dem nahen Almosenberg errichtet wurde?

Lange galt die massenhaft-groteske Kombination von Alt und Neu samt Waschbetonästhetik als Beleg für lange zurückliegende architektonische Sünden, die der urbanen Geschäftigkeit nichts anhaben konnten. Nun aber werden Schneisen im städtischen Leben sichtbar, die durch die Corona-Pandemie vergrößert, aber nicht verursacht wurden. Es ist als seien Handel, Konsum und Ausgehlaune ins Koma gefallen. Hammelburg und Wertheim sind überall.

Sicher, es gibt den kulturellen Reichtum deutscher Städtevielfalt noch immer. Eine Herbstreise durch einst stolze Kulturlandschaften aber offenbart das Liegengelassene.

Harry Nutt ist Autor.

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