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Kolumne

Wie Angela Merkel alle in die Schranken wies

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Bundeskanzlerin Angela Merkel entwickelte in 16 Jahren eine Meisterschaft der informellen Durchsetzung von Macht. Und die wies so manchen Chauvinisten in seine Grenzen. Die Kolumne.

Berlin – Als Bundeskanzler Gerhard Schröder am Wahlabend 2005 bräsig-selbstgerecht die Floskel von sich gab, man müsse die Kirche im Dorf lassen und schnoddrig ergänzte: „Glauben Sie wirklich, Sie können hier Bundeskanzlerin werden?“, war ich ganz seiner Meinung. Schröder hatte die Wahl verloren, aber die Vorstellung, dass Merkel sie gewonnen habe, fühlte sich seltsam unwirklich an.

Der Eindruck legte sich auch in den nachfolgenden Monaten nicht. Das Merkel’sche Rollenmodell mutete fremd und ungelenk an. In Reden und vor der Kamera wirkte sie unbeholfen, ständig war man geneigt, ihre Sätze korrigieren oder umformulieren zu wollen. Auch nach 16 Jahren ihrer erstaunlichen Kanzlerschaft wird niemand so weit gehen, Angela Merkel rhetorische Könnerschaft nachzusagen oder ihr öffentliches Auftreten als politischen Stil zu klassifizieren. Eher zollt man ihr Anerkennung dafür, dass sie da war. „Sie kennen mich.“

Kaum jemand hat unter dem Mangel eines Stilempfindens in der gesamten politischen Klasse so sehr gelitten wie der kürzlich verstorbene Publizist und Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer. „In diesem Lande“, schrieb er, „ist ein ethischer Formalismus, der alle traditionelle Politik geprägt hat, zerstört.“

Angela Merkel trotzte Demütigungen von Erdogan, Trump oder auch nur Horst Seehofer

Laut Bohrer deutete sich hier die Unfähigkeit an zur symbolischen Abbildung, die Unfähigkeit zur öffentlichen, nichtprivaten Ethik. Das war auf Helmut Kohl gemünzt, aber das Verdikt über die symbolische Ausdrucksschwäche galt später zweifellos auch für Kanzlerin Merkel.

Angela Merkels nachträgliche Triumphe wurden leicht übersehen.

Und doch verkennt eine solch scharfe Charakterisierung den Kern des Merkel’schen Repräsentationsstils. Die Fehlen eines klassischen Form- und Machtbewusstseins hatte keineswegs den Verzicht auf Ausdrucksformen der Überlegenheit und Stärke zufolge.

Wann immer Recep Tayyip Erdogan, Donald Trump oder auch bloß Horst Seehofer glaubten, Merkel wort- und gestenreich demütigen zu können, erstrahlte ihre hausfrauenhafte Beharrlichkeit hernach umso heller. Angela Merkel steckte oft ein und verlangte später meist ohne symbolischen Budenzauber einen hohen Preis für das jeweilige Herrengedeck.

Mutti-Metapher für Angela Merkel war Ausdruck einer gewaltigen Selbsttäuschung

Im Verlauf ihrer Kanzlerschaft entwickelte sie eine Meisterschaft der informellen Organisation und Durchsetzung von Macht und Interessen, die oft als Politikmoderation missverstanden worden ist. Angela Merkel betrieb eine Politik, der man pragmatische Vernunft attestierte, deren nachträglichen Triumphe aber leicht übersehen wurden. Unterlegene pflastern ihren Weg. Ihr ehrgeiziger Antipode Friedrich Merz musste schon deshalb an der Mission einer späten Nachfolge scheitern, weil ihm die narzisstische Kränkung noch immer in den Knochen saß, die Merkel ihm früh zugefügt hatte.

In diesem Sinne war die Mutti-Metapher vor allem Ausdruck einer gewaltigen Selbsttäuschung ihrer politischen Gegnerinnen und Gegner. So fürsorglich Angela Merkel auch gelegentlich erschien, zum Beispiel gegenüber dem weinenden Flüchtlingsmädchen Reem, beherrschte sie die Strategien der Selbstbehauptung, die keiner ihrer Nachfolgekandidatinnen und -kandidaten nur im Ansatz erkennen lässt.

In jüngerer Zeit hat man Angela Merkel einen versteckt-hintersinnigen Humor nachgesagt, den nur zu erkennen vermochte, wer nicht gerade mit ihr im Kampf um politische Terraingewinne verstrickt war.

Rubriklistenbild: © John Macdougall/afp

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