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Deutsche Verantwortung in der Ukraine: Eine riesengroße Wunde

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Von: Anetta Kahane

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Gedenken an ermordete Roma 2018 in dem früheren Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Gedenken an ermordete Roma 2018 in dem früheren Konzentrationslager Bergen-Belsen. © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Während des Zweiten Weltkriegs töteten die Nazis in der Ukraine zig Roma. Auch deshalb ist deutsche Verantwortung in dem Land nicht nur ein Wort. Die Kolumne.

Die alte Dame geht voran. Sie führt die Delegation durch einen schmalen Hausflur und schließt die Tür zu ihrer Wohnung auf. Als Kind hat sie erlebt, wie die Deutschen auf der Jagd nach Juden und Roma Haus für Haus ihr Viertel durchkämmten. Wen sie erwischten, der wurde ermordet. Wie so viele in jenen Tagen hielt sich ihre Familie versteckt und floh schließlich aus der Stadt. Heute bittet die Frau drei Männer herein. Ihre Wohnung ist winzig und dennoch für Roma wie sie ein seltenes Glück. Sie zeigt die zwei Kammern und die Küche. Sie wohnt in Lwiw, in der westlichen Ukraine.

Überall im Land sind Roma auf der Flucht und auch in der Ukraine haben sie es schwer, seit Kriegsbeginn ganz besonders. Deswegen hat die alte Dame geflüchtete Roma aus der Ostukraine aufgenommen. Acht Personen, darunter einige Kinder. Die Grundfläche der Wohnung wird, wenn alle schlafen, bis auf den letzten Zentimeter genutzt. Sie kauft das Essen von Spenden und, wenn es keine gibt, von ihren 60 Euro Rente.

500.000 Sinti und Roma im Nationalsozialismus ermordet

Noch nie waren wichtige Leute bei ihr und schon gar nicht deutsche Politiker, die sich um die Lage der Roma in der Ukraine sorgen. Aber jetzt Daniel Strauss, ein Sinto aus Mannheim, der den Landesverband der Sinti und Roma in Baden-Württemberg leitet, Romeo Franz, der erste Sinto, der als Abgeordneter im Europaparlament für die Grünen sitzt, und Mehmet Daimergüler, Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung. In Auschwitz hatten sie zuvor einen Kranz in Erinnerung an die Ermordung der letzten 4300 Sinti und Roma am 2. August 1944 niedergelegt. Dieses Datum erinnert nun an die 500.000 ermordeten Sinti und Roma.

Der alten Dame gefällt, dass diese Deutschen so anders sind als die ihrer Kindheit. Alle drei gehören wie sie einer Minderheit an, alle drei erkennen in ihren Geschichten die eigenen wieder. Als das Gespräch auf die schwere Lebenssituation der Geflüchteten und ihrer Gastgeberin zurückkommt, kann eine örtliche Romavertreterin kaum an sich halten. „Sie wollen sehen, wie wirkliches Elend aussieht?“, fragt sie und bringt die Besucher einige Autominuten von der Stadt weg, mitten in den Wald.

Dort lebt eine Gruppe von Roma, die nirgendwo aufgenommen worden ist. Im Schlamm, der Regen hat den Boden aufgeweicht, spielen Kinder. Die Erwachsenen haben aus Tüten und Kartons versucht, Schlafplätze zu bauen. Sie haben kaum Nahrungsmittel und Wasser. Einige von ihnen sind aus dem Kriegsgebiet geflohen, andere leben hier schon eine Weile. Sie sind, nachdem die Deutschen einst ihre Häuser und Geschäfte niedergebrannt haben, immer weiter geflohen, ohne dem Elend entkommen zu können. Die drei Männer erschüttert diese Situation, sie können kaum sprechen. So sollte niemand leben müssen.

Deutsche Mörder hatten die Ukraine erobert und besetzt

Die deutschen Mörder hatten die Ukraine erobert und besetzt, sie ausgebeutet, die Menschen fürs Reich arbeiten lassen. Vor allem Juden und Roma wurden systematisch ermordet. Die Folgen für das ganze Land sind bis heute zu spüren. Die Wälder sind voll von Massengräbern. Manchmal weisen Gedenksteine am Straßenrand auf die deutschen Erschießungen von damals hin.

Deutsche Verantwortung in der Ukraine ist nicht nur ein Wort. Sie ist eine riesengroße Wunde. Auch den Roma gegenüber. Das sind wir der alten Dame, einer Überlebenden deutscher Verbrechen, schuldig. (Anetta Kahane)

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