1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Das neue Wettrüsten im Ukraine-Krieg – der einzige Weg?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Herl

Kommentare

100 Milliarden Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr. Ist das der richtige Weg?
100 Milliarden Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr. Ist das der richtige Weg? © Philipp Schulze/dpa

Ist Aufrüstung der einzige Weg? Oder bewirken die Millionen Menschen etwas, die weltweit gegen den Krieg in der Ukraine demonstrieren? Die Kolumne.

Eigentlich dachte ich, das sei eine Aussage für die Ewigkeit. Vor Jahren war es, da fragte man mich, welche militärische Leistung ich am meisten bewundere. „Keine“, wollte ich zuerst spontan antworten, besann mich dann aber eines vermeintlich Klügeren und sagte „Desertion“ – und begann sofort zu zweifeln, ob das denn wirklich stimmt.

Klar, dachte ich mir, Fahnenflucht erfordert häufig mehr Tapferkeit als sich treudoof in Reih und Glied zu stellen und abballern zu lassen. Andererseits überlegte ich, ob es denn nicht auch gutes Militär geben könnte.

Ukraine-Krieg: Pazifismus wurde salonfähig – Die Deutsche Politik

Und schließlich kam mir in den Sinn, ob meine Antwort nicht einer romantisierenden Erinnerung an jene Zeit entstammen könnte, in der „wir“ „We shall overcome“ sangen, „wir“ Love and Peace forderten und gelegentlich auch praktizierten, „wir“ den Wehrdienst verweigerten (der damals nicht nur umgangssprachlich auch „Kriegsdienst“ genannt wurde) und uns dafür gerne als „Drückeberger“ beschimpfen ließen, und in der „wir“ fürs Briefeschreiben grob-graues Umweltschutzpapier verwendeten, auf das oben rechts der Satz „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ gedruckt war. Doch ich verwarf alle Zweifel und speicherte meine Fahnenflucht-Antwort als richtig ab.

„Wir“, das waren die gefühlt Guten, und „wir“ wurden gefühlt immer mehr. Und in der Tat, der Pazifismus wurde salonfähig. Spätestens als Millionen Menschen 1983 gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen in Westdeutschland auf die Straße gingen, wurde aus dem gefühlten „Wir“ ein „Alle“. Das ging gerade so weiter. Es folgten Jahrzehnte der Abrüstung in Ost und West, der Kalte Krieg war perdu. Die Jungen von heute kennen den Warnruf unserer Großväter „Die Russen kommen“ nur aus den Geschichtsbüchern – und das ist gut so. Oder war.

Denn was nun? Soll das nun alles vorbei sein? Jetzt, wo von einem Tag auf den anderen alles infrage gestellt wird? Wo plötzlich höchstrangige Generäle in Talkshows – als hätten sie seit Jahrzehnten auf diesen Moment gewartet – in militärisch schroffen Worten uns Laien die Kunst des Krieges erklären wollen und dürfen?

Wo selbst Grüne wie Robert Habeck und Annalena Baerbock ohne Scheu und Wimpernzucken (anders als ihre Altvorderen, die 1999 erst nach langem Zögern und gegen erheblichen Widerstand aus der eigenen Partei den Einsatz deutscher Truppen im Kosovo ohne UN-Mandat guthießen) davon reden, die Bundeswehr müsse sofort und massiv aufgerüstet werden? Und wo denn ein Bundeskanzler mal eben 100 Milliarden Euro dafür aus dem Hut zaubert?

Ukraine-Krieg: Das neue Wettrüsten

Ist das der einzige Weg? Ich weiß es nicht. So wie ich noch nie eine Antwort auf Gewalt wusste. Doch ich ahne, dass das alles zu überstürzt geschieht. Und ich will nicht akzeptieren, dass es keine andere Möglichkeit geben soll als ein neuerliches Wettrüsten.

Und ich spüre ein Fünkchen Hoffnung, dass die vielen Millionen Menschen, die weltweit gegen diesen Wahnsinn auf die Straßen gehen, etwas bewirken können. Selbst die Jecken in Köln, die ihren Rosenmontagszug nicht wie früher üblich absagten, sondern eine riesige bunte Demonstration gegen den Krieg daraus machten. Davor ziehe selbst ich als Karnevalshasser den Hut. Und zwar voller Respekt. (Michael Herl)

Die Politikerin Jutta Ditfurth hält die Aufrüstung der Bundeswehr während des Ukraine-Kriegs für falsch und fürchtet ein internationales Wettrüsten.

Auch interessant

Kommentare