1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Wie kann ein Sieg der Ukraine aussehen? Und was folgt danach?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Paul Mason

Kommentare

Wie sieht ein Sieg der Ukraine aus?
Wie sieht ein Sieg der Ukraine aus? © Andriy Andriyenko/dpa

Europa muss seine vielfältigen Gesellschaften entwickeln und verteidigen. Die Kolumne von Paul Mason.

US-Kommentatorin Anne Applebaum fragte Martin Schmidt, Chef des Bundeskanzleramtes, am Rande einer Tagung: „Wie sieht ein Sieg der Ukraine aus?“ Schmidt sagte, dass die Ukraine den Begriff des Sieges selbst definieren müsste. Für mich ist die Zeitenwende mehr als unvollständig. Selbst die britische Zeitenwende, die ein Ende des russischen Kapitals und Einflusses in Großbritannien mit sich brachte, was zu Witzen über „Londongrad“ führte, ist unvollständig.

Der Sieg – auf geopolitischer Ebene – wird sich nicht daran messen lassen, wie wenig Territorium Putin während der von vielen erwarteten Deeskalationsphase stehlen kann. Er wird davon abhängen, ob Europa in der Lage ist, angesichts der Rückschläge für die Demokraten in den USA und des Überlebens des Putin-Regimes eine einheitliche geopolitische Strategie zu verfolgen. Der Sieg könnte etwa darin bestehen, dass die Nato nach 2024 nicht aufgelöst wird oder dass sich die wichtigsten europäischen Militärmächte auf ein einheitliches und klares Konzept der strategischen Autonomie einigen.

Putins Traum scheint aus: Politiker:innen müssen jetzt über das Krisenmanagement hinausdenken

Putins Projekt eines russischen Imperiums, das sich von der Krim über Odessa bis nach Moldawien erstreckt, liegt in Trümmern. Das russische Fernsehen zeigt zerbrochene Illusionen und Rachefantasien. Putins nukleare Drohungen – auch wenn sie als real angesehen werden müssen – erfolgen aus einer Position der Schwäche heraus. Es kann also kein Zurück mehr geben.

Sobald wir einem Regime, das ohnehin auf Lügen aufgebaut war, mit kognitiver Dissonanz begegnen, ist dessen Selbstzerstörung unvermeidlich. Deshalb müssen demokratische Politikerinnen und Politiker über das Krisenmanagement hinausdenken.

Die Welt vor dem 24. Februar gibt es nicht mehr

Ich habe mich gefreut, dass der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil am 19. Oktober gesagt hat: „Es kann und wird mit Russland keine Rückkehr zum Status quo vor dem Krieg gegen die Ukraine geben. Die Welt vor dem 24. Februar gibt es nicht mehr. Wir tragen jetzt die Verantwortung, das Neue zu gestalten. Und diese Verantwortung geht weit über die militärische Auseinandersetzung hinaus.“

Ich verstehe, warum die deutsche politische Elite so zögerlich ist, von der übereilten Selbstverteidigung zu einer aktiven militärischen Strategie überzugehen. Ich stamme aus einer Generation von Kindern, die von kriegstraumatisierten Männern gelehrt wurden, „die Deutschen“ zu fürchten. Der nächste Schritt für eine selbstbewusste Demokratie besteht aber nun darin zu fragen – wie es John Maynard Keynes und Harry Dexter White in den Tiefen des Zweiten Weltkriegs taten: Wie sieht die Welt aus, wenn wir gewinnen?

Vorgeschobene Argumente: Warum keine Leopard-2-Panzer in die Ukraine geliefert werden

In dem oben erwähnten Treffen nannte Schmidt vier Gründe, keine Leopard-2-Panzer an die Ukraine zu senden: Wartungsschwierigkeiten, Gefahr von Technologietransfer und negativen Propaganda bei Eroberung der Waffen durch die Russen. Und kein Verbündeter hat ähnliche Waffen geschickt.

Das ist vorgeschoben. Die Leopard 2 werden nicht in die Ukraine verlegt werden, weil sie wie auch die alternde Panzerflotte der britischen Armee benötigt werden, um eine glaubwürdige Abschreckung gegen russische Aggressionen westlich des Flusses Narva aufzubauen.

Streitkräfte Europas: Das militärische Denken muss die junge Generation wieder erlernen

Die Generation junger Menschen wird diese militärischen Denkweisen wieder erlernen müssen – und es ist an uns, der älteren Generation, dafür zu sorgen, dass die neuen Streitkräfte Europas so aussehen wie die vielfältigen Gesellschaften, die sie verteidigen sollen, und sie von autoritären kulturellen Hinterlassenschaften zu befreien.

Der Autor

Paul Mason ist Autor und Journalist in London.

Ich applaudiere Politikern wie Schmidt, Klingbeil und Kanzler Scholz für die Schnelligkeit und Flexibilität, mit der sich ihr Denken über Konflikte entwickelt hat. Ich weiß nicht, ob die Doktoranden des Jahres 2050 in ihren rückblickenden Analysen des Jahres 2022 so großzügig sein werden. (Paul Mason)

Auch interessant

Kommentare