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Ukraine-Krieg: Putins Offensive reicht bis nach Berlin

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Von: Petra Kohse

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Im Berliner Hauptbahnhof werden auf Werbemonitoren die Farben der ukrainischen Nationalflagge angezeigt.
Im Berliner Hauptbahnhof werden auf Werbemonitoren die Farben der ukrainischen Nationalflagge angezeigt. © Christophe Gateau/dpa

Am Berliner Hauptbahnhof ist es erstaunlich still. Nur wer sich etwas länger aufhält, bemerkt die Pappschilder zum Ukraine-Krieg: mit der blau-gelben Flagge und Pfeilen. Die Kolumne.

Berlin – Die Luft ist noch kalt an diesem zweiten Märztag in Berlin. Trotzdem drängen die Menschen in der Mittagspause begierig ins Helle. Den Recup-Becher in der Hand, die Maske am Kinn, halten viele auf den Straßen ihre Gesichter in die bleiche Sonne. Einige tragen blau-gelbe Accessoires an ihren Jacken. Das Klima, Corona, jetzt der Ukraine-Konflikt nur zwei Länder weiter. Das schichtet sich aufs Gemüt, flutet die Medien, scheint den Lauf des Alltags aber bisher nicht zu ändern.

Sogar am Hauptbahnhof, dem Willkommensort in Berlin, ist es erstaunlich still. Kein Rufen, Schreien, Weinen. Man könnte von einem Regionalzug in den anderen steigen, ohne mitzubekommen, dass sich Menschen vor Russlands Panzern und Bomben hierher gerettet haben.

Nur wer sich etwas länger aufhält, bemerkt die Pappschilder mit der ukrainischen Flagge und Pfeilen, die den Weg aufs unterste Zwischendeck des Bahnhofs weisen, wo Ankömmlinge aus der Ukraine gegenüber von McDonald’s mit Essen und Informationen versorgt werden. Hier lässt sich Wladimir Putins Krieg in Berlin finden, wenn man ihn sucht.

Freiwillige und Zeugen Jehovas warten auf Menschen, die vor dem Ukraine-Krieg flüchten

Was müssen Geflüchtete tun, wenn sie in dieser Stadt bleiben wollen, was wenn die Reise für sie weitergeht? Schnell gedruckte Plakate mit Informationen in kyrillischer Schrift kleben an den Säulen. Ein paar Dutzend Menschen sitzen dort, am Versorgungspunkt, inmitten von Koffern an Biertischen, andere streben wieder den Bahnsteigen zu, begleitet von Freiwilligen, die Leuchtwesten tragen und Kreppstreifen über der Brust, auf denen ihr Name steht und welche Sprachen sie sprechen. „Nathalie russisch/deutsch“, „Rainer englisch/deutsch“, „Tomasz polnisch, russisch, deutsch“.

Auch Ella und Alek sind im Einsatz, Anatol, Vera und viele weitere Heldinnen und Helden von nebenan. Sie beugen sich zu Kindern mit Plüschohrenschützer hinunter, helfen Müttern Rucksäcke aufzuschultern, übersetzen Reiseunterlagen und geben durch den Bahnhof Geleit.

Auf dem Bahnsteig der Gleise 13 und 14 verdichtet sich das Geschehen. Hier kommen die Züge aus Warschau an, hier geht es nach Westen weiter, hier wartet auch eine Delegation der Zeugen Jehovas auf mögliche Schäfchen, eine Gebärdendolmetscherin macht mit einem Plakat auf sich aufmerksam, dazwischen Sicherheitspersonal und Leute mit Kameras, die die Anzeigetafel filmen.

Kriegs-Geflüchtete aus der Ukraine am Gleis: Nur die Zugaufsicht verliert die Contenance

Und ein Zugabfertiger im Stress. Zwischen all den Menschen, die ihre Heimat verloren haben und ein sicheres Irgendwo suchen, scheint er der einzige zu sein, dessen Nerven blankliegen. „In einer Stunde fährt doch schon der nächste Zug!“ schreit er, als ein Helfer nach dem Abpfiff noch einen Koffer durch eine sich schließende Zugtür schiebt.

Und als der ICE nach Köln drei Minuten nach der geplanten Abfahrt noch steht, weil an einem hinteren Waggon Getümmel herrscht, bekommt er, der Bahnsteigbevollmächtigte, Schnappatmung und erklärt den Umstehenden aufgelöst, dass das doch so nicht gehe! Man merkt, dass er Angst hat. Vielleicht weil es einen Unfall am Gleis geben könnte und er dann schuld wäre. Es ist Krieg nebenan, in der Ukraine, aber ihn entlastet das im Ernstfall nicht.

„Willkommen in Berlin“, schallt es aus dem Lautsprecher, als der nächste Zug aus Warschau eintrifft. Langsam, fast fragend steigen Menschen aus, erhalten Hinweise und gehen mit ihren erschütternd kleinen Koffern die Treppen hinab ins Innere des Bahnhofs, in die Stadt hinein und weiter.

Zur Autorin: Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Autorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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