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Ukraine-Konflikt: Das Phänomen der Russland-Liebe in Deutschland

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Von: Anetta Kahane

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Viele Menschen hierzulande glauben nicht, dass Russland so aggressiv ist. Wieso eigentlich nicht? Die Kolumne.

Frankfurt - Was gerade in der Ukraine passiert, macht hier vielen Angst und erst recht den Ukrainerinnen und Ukrainern. Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen auf der Straße, die sich mit der Ukraine solidarisieren, anstatt, wie vor der Sicherheitskonferenz, hohle Friedensseufzer in „beide Richtungen“ auszustoßen. Russland droht wirklich mit Krieg. Die Truppen stehen an der Grenze zur Ukraine bereit. Wird sie angegriffen, ist das nicht ein Angriff auf Frieden als Begriff einer gleichnamigen Bewegung. Die Opfer werden reale Menschen sein.

In Deutschland glauben viele nicht, dass Russland so aggressiv ist. Wieso eigentlich nicht? So viel sollte inzwischen den meisten klar sein: Seit Jahren beherrscht das Russland von Wladimir Putin das Desinformationsspiel in der Cyberwelt. Bösartige Online-Kampagnen in den USA und anderen Ländern sind Angriffe auf die westlichen Demokratien.

Russland fördert den Informationskrieg – auch in Deutschland

Destabilisieren, Hass schüren, Zweifel sähen – Trollfabriken und Bots tragen auch in Deutschland dazu bei, Falschinformationen und Wut zu schüren. Hier unterstützt Russland rechtsextreme Gruppen, die Querfront und die AfD und fördert deren Informationskrieg. Die Reichweite und Wirkung dieser jahrelangen Strategie ist enorm. Was „RT Deutsch“ an Hetze und Verschwörungserzählungen täglich über den Bildschirm flattern ließ, war vergleichsweise sanft und mag inzwischen gestoppt sein, doch in der Online-Welt macht Russland weiter. Das alles ist bekannt.

Russische Panzerfahrzeuge werden nach dem Ende von Militärübungen in Südrussland auf Bahnsteige verladen.
Russische Panzerfahrzeuge werden nach dem Ende von Militärübungen in Südrussland auf Bahnsteige verladen. © Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa

Dass die Rechtsextremen Russland innig lieben, liegt sicher nicht nur an seiner Unterstützung. Es gibt da etwas an deren Bild von Russland, das an einer alten, deutschen Sehnsucht rührt. Das riesige Reich, die Schicksalhaftigkeit, die russische Seele, eine ungebrochene Identität, zu der die Duldsamkeit und Leidensfähigkeit des einfachen Volkes gehört. Romantik, Ursprünglichkeit und auch das Erbarmungslose der jeweiligen Herrschaft gehören zu dieser Projektion.

Niemand spricht vom russischen Imperialismus oder gar Kolonialismus

Deutschland hat sich emotional und politisch immer auch nach Osten orientiert. Zeitweise mehr als nach Westen mit dessen komplizierter Demokratie und deren anstrengenden Emanzipationsbewegungen. Ganz zu schweigen von den USA, die als das genaue Gegenteil dieser deutschen Sehnsucht erscheinen. Russlandliebe und Antiamerikanismus gehören einfach zusammen.

Das gilt auch für scheinbar Progressive. Sie haben die Vorstellung, Russland hätte ein gutes Recht, der verloren gegangenen Sowjetunion aktiv nachzutrauern. In einigen linken Kreisen fantasieren Leute von der großen, glücklichen Völkerfamilie, die einst war. Und zu der auch die Ukraine gehörte, genauso wie Georgien, Belarus und viele andere. Vom russischen Imperialismus oder gar Kolonialismus gegenüber diesen Ländern spricht hier niemand.

Russland hätte demnach ein Recht auf seinen „Vorhof“ Ukraine. Zumindest sollte es seine Zugehörigkeit zu westlichen Bündnissen bestimmen dürfen. Die Rhetorik des Kalten Krieges ist plötzlich wieder da. Russland als Opfer steht darin stellvertretend für den untergegangenen Kommunismus, der Westen ist der „faschistische“ Aggressor – genau wie zu Zeiten der Sowjetunion. Und die Nato ist das ultimativ Böse.

Nein, machen wir uns nichts vor. Russland meint es so. Aller düsteren, politischen Romantik und ideologischen Nostalgie zum Trotz. Solidarität mit der Ukraine! (Anetta Kahane)

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