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Die Unterscheidung von Klima und Wetter sollte allerdings nicht als Argument missverstanden werden, demzufolge bedrohliche Wetterveränderungen dem Reich der Fiktion zugehören.
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Die Unterscheidung von Klima und Wetter sollte allerdings nicht als Argument missverstanden werden, demzufolge bedrohliche Wetterveränderungen dem Reich der Fiktion zugehören.

Kolumne

Übers Wetter reden

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Das Klima dräut als Katastrophe, selbst wenn die Wasser abgeflossen sind und die Sonne wieder scheint.

Die geheimnisvolle Macht des Hochwassers war 2002 noch in über 100 Kilometer Entfernung zu erspüren. Den Tag über war es schwülwarm gewesen. Kaum vorstellbar, dass andernorts tagelanger Dauerregen kleine Bäche zu reißenden Strömen hatte anschwellen lassen. Bei uns befand sich kein stehendes oder fließendes Gewässer in der Nähe. Die Mückenschwärme aber schienen von weither übers Land getragen worden zu sein, so dass der Aufenthalt im Freien unmöglich geworden war.

Zur Katastrophe gehört die Katastrophenerzählung, der wir dieser Tage in Berichten über Hilfsbereitschaft und Solidarität begegnen, aber auch in den Klagen über System- und Behördenversagen. Mit der Bereitschaft, im Handeln der Menschen deren Zugewandtheit zu erblicken, sind wir um Beschwichtigung einer höheren Macht bemüht, während wir durch die Adressierung einer Schuld versuchen, das Unerklärliche wenigstens für den Moment zu bannen.

Dazu gehört die Aufmerksamkeit für Politikergesten: die helfende Hand der Kanzlerin auf der einen und das unangebrachte Gelächter des Kandidaten auf der anderen Seite. Mitunter gleichen die aktuellen Berichte denen aus der Bibel über die zehn Plagen, von denen Ägypten im 13. Jahrhundert v. Chr. heimgesucht worden war. Das Wasser war mit Blut getränkt, an Land vermehrten sich die Frösche, die Stechmücken und -fliegen zogen durch die Lüfte, als die Flut sich schon wieder verzogen hatte.

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn hat sich in ihrer Studie „Zukunft als Katastrophe“ (S. Fischer) mit dem Phänomen befasst, dass wir die Zukunft nicht mehr als gesellschaftliches Versprechen, sondern als Aneinanderreihung von Desastern erleben.

Inzwischen, so Horn, werde die Vorstellung vom Klima, das doch eher in Form von latenten Prozessen, Durchschnittswerten und schleichenden Veränderungen zu beschreiben war, auf vielfältige Weise dramatisiert.

Die Wortzusammensetzung „Klimakatastrophe“ legt nahe, dass dem Klima nun zugewiesen wird, was doch dem Wetter vorbehalten war. Dabei galt es doch als Inbegriff dessen, „was in den Wechselhaftigkeiten und Schwebezuständen der Wetterlagen gerade als stabil und erwartbar galt“.

Die Unterscheidung von Klima und Wetter sollte allerdings nicht als Argument missverstanden werden, demzufolge bedrohliche Wetterveränderungen dem Reich der Fiktion zugehören. Vielmehr führt sie vor Augen, wie wenig es der Wissenschaft gelungen ist, ihre Erkenntnisse in Erzählungen zu überführen, die nicht sogleich als flache Adaptionen der Apokalypse angesehen werden. Oder anders: Es fehlt ein Narrativ für das, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler berichten.

Ganz neu ist der Gedanke nicht. Johann Gottfried Herder (1744–1803) äußerte ihn bereits in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“: „Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren.“

Die Zukunft, die Herder noch als ein weites Feld der Möglichkeiten erschien, hat sich verflüchtigt. Das Klima dräut als Katastrophe, selbst wenn die Wasser abgeflossen sind und die Sonne wieder scheint.

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