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Die Publizistin Birgit Kelle (rechts) gehört zu jenen, die den antifeministischen Kurs befeuern. 2015 hatten Aktivistinnen bei einer Tagung im Thüringer Landtag in Erfurt demonstriert, was sie davon halten.
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Die Publizistin Birgit Kelle (rechts) gehört zu jenen, die den antifeministischen Kurs befeuern. 2015 hatten Aktivistinnen bei einer Tagung im Thüringer Landtag in Erfurt demonstriert, was sie davon halten.

Kolumne

Übel riechende Filterblase

  • vonJoane Studnik
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Auch Frauen bekämpfen die Gleichberechtigung. Darüber könnte man lachen – wenn es nicht so gefährlich wäre. Die Kolumne.

Die öffentliche Debatte über Teilhabe, Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung wird von grotesken Kampfbegriffen verzerrt. „Genderwahn“ oder auch „Gendergaga“ schreien Diskutierende, denen die ganze Richtung nicht passt: Frauenquote, geschlechtergerechte Sprache, Strafen für Konversionstherapien, darüber wird in den sozialen Medien erhitzt gestritten. Wer es wagt, sich hier mit Sachargumenten einzumischen, wird sein blaues Wunder erleben: Die Menschen überbieten sich gegenseitig mit steilen Meinungen; faktenbasierte Einwände und Erfahrungen werden bestenfalls mit Lach-Smileys bedacht oder ignoriert, Andersdenkende übel beschimpft.

Wir befinden uns in einer übel riechenden Filterblase, zum Greifen nahe wabert auf der einen Seite diejenige von Corona-Verharmloser:innen, auf der anderen die noch unappetitlichere der Flüchtlingsbeschimpfer:innen. Gar nicht so selten schreien dieselben Leute zu allen drei Themen ihre vorgefertigte Meinung heraus. Überwiegend sind es Männer, politisch stramm rechts, vereint in der Verachtung der von ihnen sogenannten Altparteien und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Der antifeministische Diskurs wird gerade mit Nachdruck von einigen Intellektuellen befeuert, die ihre Stunde kommen sehen. Ironischerweise machen auch einige Frauen mit, wenn gegen die Teilhabe von Frauen gewettert wird. Mit dem Hashtag #ganzwichtig macht sich Birgit Kelle auf Twitter über diejenigen lustig, die mangelnde Diversität der Feuerwehr beklagen. Auch in der Bundeswehr hätten Frauen nichts zu suchen, so das Weltbild der Autorin.

So richtig in Rage gerät sie, wenn es um Frauen geht, die ihrer Ansicht nach gar keine sind: Transfrauen nämlich. Wenn Birgit Kelle den Entwurf für ein neues Gesetz „analysiert“, der das obsolete Transsexuellengesetz (TSG) ersetzen soll, tönt sie so: „Die Folgen wären dramatisch … (Das Gesetzesvorhaben) endet in einem Ziel, das man nicht anders als düster beschreiben kann.“ Ein von der Autorin gerade entdecktes Offenbarungsverbot, nämlich eine frühere Geschlechtszugehörigkeit und einen früheren Vornamen einer Transperson gegen deren Willen auszuforschen und weiterzugeben – längst im geltenden TSG verbrieft (Paragraf 5) –, nennt Kelle eine „amtlich dokumentierte Lüge“, das Gesetzesvorhaben als Ganzes „sabotiert die Errungenschaften von 100 Jahren weiblicher Emanzipation“.

Dieser als „Analyse“ verkaufte Text peitscht mit viel Meinung und fulminanter Ahnungslosigkeit durch ein komplexes Gesetzesvorhaben, ohne jedes Mitgefühl für die davon Betroffenen. Verfasst von einer „TERF“: Als „Trans Exclusive Radical Feminists“ werden im Englischen diejenigen bezeichnet, die Transfrauen canceln, um andere Frauen vor diesen zu schützen. Sobald Transgender gegen derartige Diffamierungen aufbegehren, pflegen TERFs zu heulen, Opfer der „Cancel Culture“ geworden zu sein.

Darüber könnte man lachen, wenn es nicht so brandgefährlich wäre. Denn Transgender mit ihren oft tiefen Leidenserfahrungen verzweifeln an der aktuellen Gesetzeslage. Relevanter als dieses Getöse scheint, wie gerade parteiübergreifend um geeignete Lösungen gerungen wird, trotz aller Gegensätze ein verfassungswidriges Altgesetz durch ein zeitgemäßes zu ersetzen. Konstruktive Kritik bleibt willkommen, aber für tosenden Filterblasen-Beifall verfasste und als „Analyse“ verbrämte Hassreden braucht niemand.

Joane Studnik ist Autorin.

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