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Twitter ohne Elon Musk

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Von: Paul Mason

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Wenn Musk Twitter zerstört, könnte die Zivilgesellschaft den blauen Vogel wieder zum Zwitschern bringen, sagt Paul Mason. Foto: Constanza HEVIA/AFP.
Wenn Musk Twitter zerstört, könnte die Zivilgesellschaft den blauen Vogel wieder zum Zwitschern bringen, sagt Paul Mason. © Constanza Hevia/afp

Soziale Netzwerke funktionieren auch ohne Tech-Giganten. Ihre Technologie ist elementar und kann nachgebaut werden. Ein Denkanstoß, wie leicht diese enteignet werden könnten.

Meine Twitter-App ist so eingestellt, dass ich Tweets von vielen stumm schalte: von jenen, denen ich nicht folge, jenen, die mir nicht folgen. Auch von denen mit einem neuen Konto und ohne Profilbild sowie von denen, die ihre E-Mail nicht bestätigt haben.

Trotzdem bekomme ich im Laufe eines durchschnittlichen Tages auf Twitter genug Hass, Verleumdung, Desinformation und tatsächliche Gewalt zu sehen, um mein Gehirn ernsthaft zu belasten. Warum bleibe ich also – vor allem jetzt, wo ein rechtsextremer Libertärer das Unternehmen übernommen hat, der entschlossen scheint, die Situation noch schlimmer zu machen?

Erstens, weil ich 14 Jahre lang berufliches Kapital in den Aufbau eines Publikums dort investiert habe. Ich weiß nicht, wie viele meiner 625.000 Followerinnen und Follower tatsächlich Bots sind, aber wenn man davon ausgeht, dass 90 Prozent davon echt sind, habe ich immer noch ein größeres Publikum als BBC Newsnight, die TV-Nachrichten, für die ich früher gearbeitet habe.

Twitter bleibt eine Gemeinschaft

Zweitens, weil ich durch das Herausfiltern des Hasses und der Lügen jeden Tag etwas Neues lerne. Ich erfahre etwas über die Familiengeschichte meines Freundes, der in der ukrainischen Armee kämpft. Ich erhalte Zusammenfassungen der neuesten Klimawissenschaft von herausragenden Menschen, die sich mit der Komplexität des Themas befassen.

Drittens: Unabhängig von dem Wert, den Twitter seinen Werbekunden und Investoren bietet (Letzteres ist derzeit nicht klar), bleibt es eine Gemeinschaft, die von ihren Mitgliedern mitgestaltet wird. Echte globale Ereignisse entfalten sich. Ich kann in Echtzeit beobachten, wie die britische politische Klasse auf die Implosion des Brexit-Projekts reagiert. Es ist unmöglich, Schmerz, Nuancen und Überraschung zu verbergen. Kognitive Dissonanz – der Motor aller dramatischen Erzählungen – ist das Lebenselixier von Twitter.

Die Ironie besteht darin, dass keine dieser Funktionen – Veröffentlichung, Informationsbeschaffung, Unterhaltung und Amateuranthropologie – von Twitters Existenz als gewinnorientiertem Privatunternehmen abhängig sein muss. In der Tat macht es keinen Gewinn. Es könnte genauso gut als öffentliches Gut verwaltet werden – und muss es vielleicht auch, wenn Elon Musk es zerstören sollte.

Elon Musk ist ein rechtsextremer Libertärer

Sein einzig guter Vorschlag ist die Verifizierung. Denn ich möchte nur Inhalte von echten Menschen und Organisationen sehen. Es wird uns gesagt, dass es wichtig ist, dass Menschen in den Entwicklungsländern in der Lage sein sollten, anonym zu posten; ebenso Schwule und Transgender, Opfer häuslicher Gewalt und Informant:innen in hohen Ämtern. All das ist richtig, aber der Preis, den wir für die völlige Anonymität zahlen, besteht darin, Maschinen Menschenrechte zuzugestehen: Identitäten zu respektieren, die von Software fabriziert werden, um Lügen und Hass zu verbreiten.

Der Geschäftsplan von Musk ist im Prinzip ziemlich eindeutig. Als rechtsextremer Libertärer will er die Stimmen von weißen Rassistinnen, Antisemiten und Verschwörungstheoretikerinnen zurückholen, die in den USA auf Wunsch von Werbekunden und in Europa nach EU-Recht verbannt sind. Doch dazu braucht er strenge Überprüfung, damit der von den Bots und Trollen geschaffene digitale Verstärkungsmechanismus Twitter nicht in eine Höllenlandschaft verwandelt, in der der Lärm die Informationen erstickt.

Dies kann er mit einer Mischung aus Verifizierung und algorithmischer Kontrolle erreichen, die es rivalisierenden Gruppen ermöglicht, sich selbst kontrollierende Kommunikationsblasen zu schaffen, so dass die Twitter-Erfahrung für eine Rassistin in Oklahoma eine völlig andere ist als für einen Umweltaktivisten in Hamburg. Danach will er die Werbeeinnahmen steigern, die verfügbaren Inhalte bereichern und Twitter letztlich zu einer Plattform für Bezahlangebote machen.

Will Elon Musk Twitter zerstören?

Aber Musk ist sich selbst sein ärgster Feind. Große Werbekunden sind von der Seite geflohen, weil Ethik-, Rechts- und Menschenrechtsteams entlassen wurden. Die Leitung der Werbeabteilung ist zurückgetreten. Es scheint ihn nicht zu kümmern, dass er selbst Desinformationen verbreitet und mit rechtsextremen Konten interagiert. Es ist also durchaus möglich, dass er Twitter nicht retten, sondern zerstören wird.

Der Autor

Paul Mason ist Autor und Journalist in London. Sein Twitter-Handle: @paulmasonnews

Wenn dem so ist, haben wir – die Zivilgesellschaften und Regierungen demokratischer Länder – eine Chance, soziale Medien zum Funktionieren zu bringen. Twitter als Unternehmen wird wertlos sein. Seine europäischen Einheiten könnten von einem Konsortium von Nichtregierungsorganisationen aufgekauft werden und denselben Vorschriften unterliegen, die etwa auch für Zeitungen gelten. Die Rechtsextremen und die Fundamentalisten der Meinungsfreiheit würden sich entsetzt zurückziehen, die Werbekundschaft zurückkehren.

Weil wir von den überdimensional großen Tech-Figuren, die die sozialen Medien geschaffen haben, fasziniert sind – Zuckerbergs emotionsloser Blick, Jack Dorseys Verrücktheit, Musks charakterloser Narzissmus –, vergessen wir, wie leicht diese enteignet werden könnten. Digitale soziale Netzwerke sind unsere Schöpfung, nicht die der anderen. Ihre Technologie ist elementar und kann nachgeahmt werden.

Am Ende ist alles, was wir brauchen, um zu retten, was in der digitalen Stadt wertvoll ist, die Entschlossenheit, dass die Stadt eine Regierung und ein Ethos hat und von Menschen und nicht von Robotern bevölkert wird. (Paul Mason)

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