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Trotzdem optimistisch

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Von: Michael Herl

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So langsam wird’s eng – auch bei den Tafeln.
So langsam wird’s eng – auch bei den Tafeln. © Roland Weihrauch/dpa

Es wird sich viel verändern, weil es sich verändern muss, weil es so nicht weitergehen kann. Die Kolumne.

Eigentlich bringe ich ja traditionell wenig bis kaum Verständnis für Oberflächliche auf. Für Leute, die immer fröhlich sind und gut gelaunt, ständig einen lockeren Spruch auf den Lippen haben und einen dummen Witz auf Lager, denen, außer möglichst viel Fun zu haben, alles egal ist.

Womöglich bin ich auch manchmal ein wenig neidisch. Wer wenig nachdenkt, hat mehr Spaß im Leben, denke ich mir. Wobei bei der Definition von „Spaß“ der Spaß schon aufhört. Schon da scheitere ich mit der Vorstellung, was wäre, wenn ich wäre wie die.

Ich erstarre schon beim Aufstellen einer Polonaise, bei Gesellschaftsspielen krampfe ich. Ich stand noch nie auf Skiern, weil ich Angst vor dem Après habe, ich kriege mich mit jedem Animateur in die Haare. Und schon als Kind fand ich Flaschendrehen kindisch.

Lieber hätte ich gleich geküsst, und zwar die Richtige. Da aber beides nicht möglich war, zog ich es lieber vor, noch ein paar Jahre zu warten. So bin ich also die ganze Zeit durchs Leben gegangen, und das recht wohlgemut – denn auch im Keller gibt es viel zu lachen.

So langsam aber wird’s eng. Nicht, dass mir der Humor vergangen wäre. Ich bin sogar verhalten optimistisch. Nur weiß ich nicht, ob der Plan aufgeht. Ob wirklich alles gut wird. Auf alle Fälle wird sich viel verändern. Warum? Weil es sich verändern muss, weil es so nicht weitergehen kann.

Zugegeben, es kommt ein bisschen viel auf einmal. Genaugenommen kommt alles gleichzeitig. Aber vielleicht ist das ja auch gut so, denn es verdeutlicht den Ernst der Lage. Beginnen wir doch mal mit einer Aufzählung.

Zunächst einmal ist Krieg, die Folgen sind unabsehbar. Dann erleben wir nächste Woche womöglich den heißesten Tag seit Menschengedenken. Und wenn nicht dann, dann bald. Denn kommen wird er. In Brandenburg kann eine Schule nicht gebaut werden, weil es an dem geplanten Standort kein Wasser mehr gibt. Benzin und Diesel sind teuer wie nie. Kommunen denken über „Wärmestuben“ nach, weil wir nicht wissen, wie wir durch den Winter kommen.

Kliniken müssen schon wieder nicht dringliche Operationen aufschieben, denn Coronapatienten belegen die Intensivbetten, und Personal fehlt mehr und mehr. Die Inflation schreitet voran und lässt die Lebenshaltungskosten steigen.

Den Tafeln gehen die Lebensmittel aus, denn es wird weniger geliefert, und die Zahl der Bedürftigen erhöht sich täglich. Ein Gesetz ist geplant, das Kündigungen verbietet, wenn jemand seine Gasrechnung nicht zahlen kann.

Die nächste Überschwemmung ist eine Frage der Zeit, der nächste Waldbrand ebenso. Nach 30 Jahren Grüner Punkt haben wir es immer noch nicht geschafft, Kunststoffverpackungen ausreichend zu recyceln, nach wie vor landen jährlich bis zu zwölf Millionen Tonnen in den Meeren. Die Hälfte der Gletscherfläche in Bayern ist bereits geschmolzen. Und das sind nur einige Beispiele von vielen.

Ich will nun keine Panik machen. Ich überlege mir nur, wie das alles weitergehen soll. Viele waren ja vor lauter überbordendem Egoismus schon damit überfordert, eine Maske zu tragen. Wie wird es nun werden, wenn sie weniger Auto fahren sollen, weniger fliegen, weniger heizen und weniger Fleisch essen, dafür aber mehr nachdenken – und zwar nicht quer, sondern in Richtung Vernunft?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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