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Transformation statt Fortschritt

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Von: Richard Meng

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Wirtschaftsminister Habeck: Hauptsache nachdenklich, nie hundertprozentig sicher, trotzdem handelnd, aber gerne mit süßsaurem Gesicht.
Wirtschaftsminister Habeck: Hauptsache nachdenklich, nie hundertprozentig sicher, trotzdem handelnd, aber gerne mit süßsaurem Gesicht. © Patrick Pleul/dpa

Weil sich alles ändert, werden Begriffe ersetzt. Das T-Wort hat nicht nur Vorteile. Die Kolumne.

Wenn sich alles ändert, warum nicht auch das? Vor einem halben Jahr jedenfalls haben sie alle noch auf den Fortschritt gesetzt. Was bedeutet: optimistisch sein, zügig vorangehen. Wo Fortschritt ist, ist vorne: Es ist eine alte positive Erzählung, zumal auf der Linken. Deshalb war es so logisch, dass die Ampelkoalition zu Berlin sich vom ersten Tag an als Fortschrittsbündnis definierte.

Und jetzt das: Abschied vom Leitbegriff, jedenfalls ein wenig. Es geht in Pandemie und Krieg nicht mehr geradeaus weiter, haben die Spin-Doktoren in Berlin-Mitte herausgefunden. Weil sich alles ändert, braucht es einen neuen Begriff. Einen, der das Umsteuern umfasst, nicht nur das Geradeaus-Laufen. Und siehe, er ist gefunden. Was Fortschritt werden soll, braucht jetzt Transformation, zu deutsch: Umgestaltung. Wir leben, so die Parteichefin der Grünen, jetzt gar in „einer der größten Transformationen der Menschheitsgeschichte“.

Der Satz fiel auf einem der vielen Sommerfeste, die es in Berlin nach der Corona-Transformation und vor den Ferien nun wieder gibt. Spitzenleute von SPD, Grünen und FDP diskutierten in diesem Fall schon darüber, auf wessen Kosten all die anstehenden Transformationen gehen werden – und über die absehbare „Wucht der Gerechtigkeitsfragen“. Auch darüber, wie „Beruhigung in diese aufgescheuchte Gesellschaft“ kommen kann. Der gemeinsame Befund: Au weiah.

So wird nun die gerechte Transformation zum Modewort. Eine Art Umbau-und-Solidarität-und-Fortschritt-Mix. Jetzt, da alles so schwer und unübersichtlich wird. Wie das praktisch gehen kann, ohne in den Umfragen abzustürzen? In der Wissenschaft sprechen Sie inzwischen vom Habeck-Paradox. Maßnahmen ankündigen, aber gleichzeitig zweifelnd wirken.

Zielsicher bleiben, aber auch das Wissen darum signalisieren, dass man am Ende sowieso nicht alles durchsetzen wird. Angst nicht verdammen, sondern die Ängstlichen mitnehmen, weil Angst sich mitunter geradezu lustvoll und mobilisierend auswirken kann. Es geht dann nicht mehr um die alte Attitüde des Durch-die-Wand-Gehens. Sondern bitte möglichst soft – und allzeit zugewandt.

Bei dem Sommerfest hat es eine Professorin zugespitzt. Ganz sicher schien sie sich nicht mit dieser steilen These, aber wenn sich alles ändert, warum nicht auch das? Sie hat das Allerheiligste erfolgreicher politischer Kommunikation in Frage gestellt: den Optimismus.

Die Argumentation geht so: Wenn gerechte Transformation gelingen soll, könnte es doch klug sein, Angsteffekte zu nutzen, statt sie zu verdammen. Auf diese Weise dann die Pessimisten mitzunehmen auf den Weg des Fortschritts, der Transformation heißt. Und aufzuhören, stets nur die Optimisten zu loben. Es könnte ja sein, dass Pessimismus die Menschen sensibler und womöglich sogar vorausschauender macht.

Auf solche Ideen kann kommen, wer darüber nachdenkt, wieso ein Robert Habeck so viel Sympathie erntet: vielleicht ja gerade deshalb, weil er die ganz klaren Botschaften meidet und niemanden zurückstößt. Sondern immer wirkt wie du und ich. Hauptsache nachdenklich, nie hundertprozentig sicher, trotzdem handelnd, aber gerne mit süßsaurem Gesicht.

Mal sehen, wie viele Habecks künftig Berlin-Mitte bevölkern. Noch ist der FDP-Finanzminister schwer vorstellbar in dieser Rolle, vom Kanzler ganz zu schweigen. Aber sogar die Nato hat sich hinsichtlich der Aufstockung ihrer Eingreiftruppe des neuen T-Worts bemächtigt. Wenn das mal nicht nachdenklich macht. Transformation ist ja – wie Fortschritt – immer ein Prozess. Vielleicht merken wir es wieder mal nicht. Den Ängstlichen wäre es recht.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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