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Es gibt Situationen, in denen es darauf ankommen kann, wieder Wasser zu schleppen.
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Es gibt Situationen, in denen es darauf ankommen kann, wieder Wasser zu schleppen.

Kolumne

Technikgläubigkeit oder Fortschritt?

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Es gibt Situationen, in denen es darauf ankommen kann, wieder Wasser zu schleppen. Die Kolumne.

In der Fernsehwerbung des Vorabendprogramms läuft seit Monaten in hoher Frequenz ein Spot, der mich anfangs zum Schmunzeln gebracht hat. Zwei Jungen prahlen mit den Kräften ihrer Väter, die große Bündel von Wasserflaschen tragen können. Aus der Pubertät sind derlei Prahlereien als Schwanzvergleich bekannt. Der größte, der längste, der stärkste. In dem Werbespot werden die Jungen von einem schlauen Mädchen düpiert. „Warum“, fragt sie, „müssen eure Papas Flaschen schleppen?“

Während das Mädchen ihre Überlegenheit ausspielt, sieht man schwer beladene junge Männer die Treppenstufen hochwanken, um den Flüssigkeitsvorrat ihrer kleinen Familien in die Wohnungen zu bugsieren. Das schlaue Mädchen muss die Antwort auf ihre Frage gar nicht erst abwarten.

Sie weiß, dass man mit entsprechenden Aufbereitungsgeräten Leitungswasser in Sprudelwasser verwandeln kann und befindet sich damit auf der Seite einer pragmatischen Technologieanwendung, während die dummen Jungen sich noch in der Sphäre traditioneller Kräfteverhältnisse bewegen. „Mein Papa kann 24 Flaschen schleppen.“

Die vielen Wiederholungen des Spots haben meine anfängliche Sympathie inzwischen in ihr Gegenteil verkehrt. Obwohl ich sie auf der Seite des Fortschritts wähne, kommt mir das schlaue Mädchen seltsam altklug vor.

Letztlich geht ihre Selbstsicherheit einher mit naiver Technikgläubigkeit. Weiß sie denn nicht, dass das per Kohlensäurekartusche aufbereitete Leitungswasser öd und fad schmeckt im Vergleich zu einer frischen Bioquelle, zum Beispiel aus dem brandenburgischen Rheinsberg?

Ihre Schlaumeierei resultiert aus einer übersteigerten Selbstgewissheit, die Zweifel nicht zulässt und sich geschmackliche Defizite nicht einzugestehen bereit ist, wenn man sich erst einmal für die Variante der eigenen Wasserherstellung entschieden hat.

Wie das schlaue Mädchen scheinen viele Menschen und nicht zuletzt die Institutionen, in denen sie tätig sind, immer nur in eine Richtung zu streben. Weil sie zu wissen glauben, was zu tun ist, arbeiten sie an der Verfeinerung ihrer Technologien, sind aber unfähig zum Innehalten und zur Rückbesinnung, die es geboten erscheinen lässt, den Mineralwasserbedarf in Flaschenform bereitzuhalten.

In der Aufarbeitung der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal und anderswo haben wir zuletzt lernen müssen, dass die Gefahrenwarnung über die schlaue App nicht anschlägt, wenn alle Empfangsmöglichkeiten ausgefallen sind. Die Allgegenwart des Netzes blendet die rückhaltlose Abhängigkeit aus, die es hervorgerufen hat.

Klar, das ist jetzt eine blöde Metapher. Aber es gibt Situationen, in denen es darauf ankommen kann, wieder Wasser zu schleppen. Angesichts dysfunktionaler Warnapps wären also Sirenen, die sogleich Kindheitserinnerungen wecken, oder die Beibehaltung terristrischen Radios eine wichtige Ergänzung. Eindimensionale Digitalisierung jedenfalls verheißt nicht die Lösung aller Probleme.

Man sollte sich also nicht allzu sehr mit dem schlauen Mädchen freuen, sondern vielmehr fragen, wie es den Jungen gelingen kann, aus dem Zustand des Schwanzvergleichs herauszukommen, der noch immer das Wirtschaftsleben dominiert, auch wenn man Start-ups gründet und fancy Apps erfindet, um an das Geld anderer Leute zu kommen.

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