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Krieg in der Ukraine: Ein Tanz der Gefühle

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Von: Richard Meng

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Ukrainer helfen einer Frau in der Region Wyschgorod.
Ukrainer helfen einer Frau in der Region Wyschgorod. © Efrem Lukatsky/dpa

Friedenshoffnung und Kriegslogik stehen sich seit Putins Angriff gegen die Ukraine bizarr gegenüber. Der richtige Weg liegt irgendwo dazwischen. Die Kolumne.

Ist Hilflosigkeit wirklich das Schlimmste? Wahrscheinlich nicht. Direkte Betroffenheit vom Krieg ist viel schlimmer. So gesehen gibt es nun wirklich in Deutschland keinen Grund zum Verzweifeln. Viel Grund zu Traurigkeit gewiss. Aber jeden Grund, vorsichtig zu sein mit schnellem Selbstmitleid und gefühligen Schlussfolgerungen.

Seit am vorletzten Wochenende, Kriegstag vier, in Berlin Hunderttausende demonstrierten, stehen Friedenshoffnungen und Kriegslogik ziemlich bizarr nebeneinander. Es war der Tag des Kurswechsels der Bundesregierung. Seit diesem Tag geht der westliche Schulterschluss über alles. Selbst zur nuklearen Teilhabe, dem Transport von US-Atomwaffen durch deutsche Flugzeuge im Bündnisfall, hat der Kanzler sich gelegenheitshalber bekannt – während draußen bei den Friedensdemonstrierenden manche Rede besonders emotional für Waffenlieferungen warb und viele lautstark applaudierten.

Ukraine-Konflikt: Putins Krieg und böse Träume

Seitdem gibt es manches Beispiel der tätigen Hilfe, nicht zuletzt bei der Aufnahme der Geflüchteten. Die Direktschalten zu ukrainischen Kriegsbetroffenen sind mediale Routine geworden. Diese Welten sind ungeheuer weit auseinander in fast jeder Beziehung, aber sie treffen aufeinander in allen Köpfen und manchen bösen Träumen. Ist Hilflosigkeit nicht doch das Schlimmste angesichts der Verbrechen Putins? Nein, bitte nicht immer diese Selbstbespiegelung.

Was neu ist in der Berliner Außenpolitik, spätestens seit dem verstörenden Demonstrations- und Parlamentssonntag und der Umwertung mancher Werte im Namen der Solidarität: Das Militärische ist ins Zentrum gerückt worden. Moralismus, nicht zuletzt erwartet vom offiziellen Kiew, stabilisiert nach innen und vertuscht Ratlosigkeit nach außen. Im Grunde war es schon in der Auseinandersetzung um die Pipeline Nord Stream 2 so, dass die Wärme der Moral gegen die Kälte der Interessenswahrung stand. Beides ist für sich alleine nicht genug.

Putins Krieg in der Ukraine – und emanzipatorische Gefühle

Wenn irgendwann die Historiker:innen zurückblicken, werden sie fragen, wie im Osten starre Kompromisslosigkeit zum vorherrschenden Denken werden konnte. Und wie es im Westen nach Jahren schierer Gleichgültigkeit zu so viel Emotionalität kam, verstärkt über das Netz: Nicht nur militärisch ist dies der erste Krieg, den man in der Breite seiner Wirkungen erst digital erfassen kann.

Reales Bomben verengt die Perspektive des Denkbaren. Von Tag zu Tag scheinen Auswege erst mal weiter weg, bei rationaler Betrachtung. Wobei rationale Betrachtung selbst immer schwieriger wird. Aber Moral und Realpolitik sind nötig. Die Jüngeren kennen die emotionalen Debatten nicht mehr rund um Wiederbewaffnung, Ostpolitik, Hochrüstung. Das emanzipatorische Gefühl, dass Kriegslogik am Ende immer allen schadet. Jetzt erläutern Expert:innen, dass es noch nicht genügend Tote gibt, um an ernsthafte Verhandlungen zu denken.

Ukraine: Putins Krieg und das Beharren auf zivilen Werten

Über Hilflosigkeit zu jammern ist ziemlich billig, doch Abenteurertum in Flucht vor dieser Hilflosigkeit vergrößert die Katastrophe. Wo die Grenzen sind zwischen beidem? Dort, wo die Vernunft aussetzt. Wo Öl ins Feuer gegossen wird, um sich selbst zu wärmen. Wenn etwas positiv getan werden kann über die Hilfe für Geflüchtete hinaus, dann muss es auch die Dämpfung der Emotionen sein – bei allem Beharren auf den zivilen Werten.

Jetzt kommt es auf einen ruhigen Stil der Politik an. Auf die langen Linien. Auf die unbequeme und nicht emotionale Frage, wie all das irgendwann erträglich ausgehen könnte. Alles andere ist wirklich nur unerträglich hilflos. (Richard Meng)

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung. 

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