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Bei einer Maniküre lernt man viel über eine neue Stadt (Symbolfoto).
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Bei einer Maniküre lernt man viel über eine neue Stadt (Symbolfoto).

Kolumne

Talk and Spa in Atlanta

  • Anetta Kahane
    VonAnetta Kahane
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Ein Besuch in einer unbekannten Stadt, die Vorfreude auf familiäres Glück und die Erinnerung an den Schrecken von Rassismus und Sexismus. Die Kolumne.

Ein freudiges Ereignis in der Familie, das nun kurz bevorsteht, hat mich nach Atlanta in Georgia verschlagen. Ich war wohl schon mal hier, aber die Innenstadt hatte für mich kein wiedererkennbares Gesicht, weshalb ich mich nur dunkel erinnere. Nun aber wird die Stadt ein Teil der Familiengeschichte. Also schaue ich sie mir ganz anders an.

Meine Ferienwohnung liegt im Grünen, die Straße ist hügelig, die Häuschen zeugen von mittlerem Wohlstand. Der Bezirk ist ethnisch gemischt, hier wohnen Leute, die mittlere Autos fahren und mittlere Jobs haben. Atlanta hat eine große Schwarze Mittelschicht und eine interessante und erfolgreiche Schwarze Unterhaltungsindustrie. In den riesigen Unternehmen der Stadt arbeiten die Menschen zusammen, Weiße, Afroamerikaner, Latinas, Juden und Jüdinnen, und dennoch ist das Stadtbild segregiert.

Ich komme gern in Städten an, die ich noch nicht kenne. Am besten geht das, wenn ich mit Menschen reden kann. Also machte ich einen Termin in einem Nagelstudio mit dem Namen „Nail Talk & Spa“. Bei diesem Namen, dachte ich mir, wird das wohl ein Ort sein, wo reden zum Programm gehört.

Die idyllische Straße runter, rechts rum über die Hauptstraße – ein Weg von 15 Minuten. Der Eindruck von Mittelschicht änderte sich etwa drei Zentimeter nach dem Abbiegen. Auf der anderen Seite der Hauptstraße stehen ziemlich hässliche Betonhäuser zwischen Parkplätzen für Einkaufsketten und kleineren Geschäften. Mein Spa war voll. Es gehört einer Vietnamesin, und fast alle Angestellten sind Asiatinnen. Ein ganz gewöhnlicher Laden, wie es ihn in Atlanta zu Hunderten gibt.

Es war genau so ein Geschäft wie das, vor dem einige Monate zuvor ein Rassist acht asiatische Frauen erschossen hatte. Ich erschrak bei der Vorstellung, wie eine friedliche Szene sich während der Kosmetik angeregt unterhaltender Menschen, wie die in meinem Spa, jäh durch einen Terrorakt wie den vom März zerrissen wird.

Der Täter, der Frauen hasst, weil er selbst keinen Sex hat, gehört zu den streng christlichen „White Supremacists“. Er hatte wohl auch die Hetze des ehemaligen Präsidenten Donald Trump gegen Asiat:innen als angeblich Schuldige an der Pandemie als Auftrag verstanden. Also zog er los und erschoss die Frauen vor dem Nagelstudio. Frauenhass und Rassismus – eine besonders widerliche wie häufige Mischung. Atlanta war wie gelähmt von dieser Tat.

Im Juni vergangenen Jahres war Rayshard Brooks, ein Afroamerikaner, von einem Polizisten erschossen worden, nur Wochen nach dem Tod von George Floyd. Die folgenden Unruhen waren heftig, Straßen waren von Aktivisten blockiert, weitere Polizeigewalt folgte, ein Schnellrestaurant ging in Flammen auf.

Beides hat die Stadt geprägt, der feige Mordanschlag auf die Asiatinnen ist bis heute ein Thema. In meinem Nagelstudio hallten die vielen Stimmen wie eine Mischung aus Brummen und Zirpen. Ich unterhielt mich mit meiner vietnamesischen Nagelexpertin eine Weile über die Stadt, ihre Familie und mein bevorstehendes freudiges Familienereignis. Dann fragte ich sie, wie heute die Stimmung wegen des Anschlags sei. Sie blickte auf und nickte höflich. Sie habe noch immer Angst. Aber alle hier achteten aufeinander.

Dann sah sie mich an und meinte, ich solle mich doch lieber freuen, Familie sei doch so viel wichtiger als dieser Schmutz.

Recht hat sie!

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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