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Symbole der Angst

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Von: Harry Nutt

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Französischer Atombombentest über dem Mururoa-Atoll im November 1970: Selbst im kleinsten berechneten Szenario würden den Simulationen zufolge 27 Millionen Menschen direkt sterben und 255 Millionen Menschen durch Hungersnöte in verschiedenen Regionen der Erde ums Leben kommen.
Französischer Atombombentest über dem Mururoa-Atoll im November 1970: Selbst im kleinsten berechneten Szenario würden den Simulationen zufolge 27 Millionen Menschen direkt sterben und 255 Millionen Menschen durch Hungersnöte in verschiedenen Regionen der Erde ums Leben kommen. © dpa (Archivbild)

Die Atomdrohung, das ist ihr Geheimnis, entfaltet ihre größte Kraft durch Nichtanwendung. Die Kolumne.

In einem Lied aus den späten 70er Jahren fragt sich Bob Dylan, wo es langgeht. „Lincoln County Road oder Armageddon?“ Weiter durch die Western-Idylle des US-Bundesstaates New Mexico oder steuern wir längst auf den Ort der Entscheidungsschlacht zu, wie es in der Offenbarung des Johannes heißt – das Jüngste Gericht?

Im US-amerikanischen Sprachgebrauch gilt Armageddon als Metapher für eine drastische Zuspitzung. Präsident Joe Biden hat also die amerikanische Reaktion auf einen möglichen russischen Atomschlag zu benennen versucht. Nachdem es weithin als martialische Drohung verstanden worden war, hat er seine Wortwahl ein wenig abgeschwächt. Später fiel das mythische Wort erneut.

Im Kontext zirkulierender Angstsymbole hat der biblische Begriff Armageddon die Funktion eines Schutzschildes. Ein Gegenangriff wäre demnach von der höchsten religiösen Instanz beglaubigt. Wer Armageddon sagt, möchte seine unbedingte Wehrhaftigkeit bekunden.

Es ist ein Machtwort, das sich nicht an politische Regeln gebunden sieht. Armageddon ist das genaue Gegenteil von Richtlinienkompetenz, für deren Gebrauch Olaf Scholz von allen Seiten kritisiert wird. Wähnte sich der Bundeskanzler noch in der Sphäre gewöhnlichen Regierungshandelns, geht es in der biblischen Entscheidungsschlacht um alles. Armageddon ist Joe Bidens „Wir bluffen nicht“.

Seit Ende des Kalten Krieges hat es keine derartigen Drohszenarien gegeben. Historikerinnen und Historiker betonen, dass selbst in der heißesten Phase der Konfrontation der Blöcke aus Warschauer Pakt und Nato auf die Einhaltung von Regeln Verlass war. Nun aber habe Putin die Atomangst freigesetzt, sie scheint seine stärkste Waffe.

So bedrohlich die Lage auch ist, befindet man sich noch immer in einer Abschreckungslogik. Während der Einsatz konventioneller Waffen in der Ukraine zwar viele Menschenleben gekostet und große materielle Schäden angerichtet habe, sei der Widerstandsgeist der Ukraine nur noch gewachsen, heißt es. Mit jeder abgeschossenen Rakete verbrauche sich Putins Macht, der Einsatz starker Worte und Gesten wirke zunehmend lächerlich, lautet eine Lesart. Die Atomdrohung, das ist ihr Geheimnis, entfaltet ihre größte Kraft durch Nichtanwendung.

Die paradoxe Situation, dass akute Atomkriegsangst ganz unmittelbar mit der Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken verknüpft wird, lenkt den Blick noch einmal auf das strahlende Symbol einstiger Atomangst. Was hat uns die Sonne noch zu sagen?

Das grinsende Gesicht in der Atomkraft-Nein-Danke-Sonne strahlt eine erstaunliche Selbstzufriedenheit aus, die nicht zu den kämpferischen Posen der Zeit zu passen schien. Trotz oder wegen dieses Widerspruchs stellt der Anstecker in der Geschichte der politischen Ikonografie weit mehr als einen Button dar, der eine Botschaft transportiert.

Signalisierten dessen Trägerinnen und Träger ihre Ablehnung gegenüber einer Stromgewinnung aus Kernenergie, so kamen darin vor allem kulturelle Haltungen zum Ausdruck: alternative Lebensformen, ziviler Widerstand, Ökologie anstelle ökonomischen Wachstums. Die Leichtigkeit kindlicher Bildsprache korrespondierte mit dem Bedürfnis eines ganz anderen Verständnisses künftigen Lebens.

War die Sonne in den fröhlichen 80er Jahren ein Zukunftssymbol, so fragt sich, woher nun die Aufhellung kommen soll.

Harry Nutt ist Autor.

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