Der Bedarf an sozialen Kontakten unter uns Leidgeprüften, die für ein paar Wochen auf einer Baustelle hausen, wächst enorm, selbst in Zeiten der Pandemie.
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Der Bedarf an sozialen Kontakten unter uns Leidgeprüften, die für ein paar Wochen auf einer Baustelle hausen, wächst enorm, selbst in Zeiten der Pandemie.

Kolumne

Strangsanierung

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Wenn das Haus zur Baustelle wird, ergeben sich ganz neue Perspektiven aufdrinnen und draußen – und auf Badewannen. Die Kolumne.

Nichts wie raus aus dem Haus. Seit Tagen flüchte ich vor dem Baulärm in, unter und über meiner Wohnung – spätestens kurz nachdem die Handwerker pünktlich um sieben mit Vorschlaghämmern, Bohrmaschinen, Stemmeisen und Metallsägen anrücken. Sie haben aus mir, einem Morgenmuffel, eine Frühaufsteherin gemacht, die den ersten Kaffee lieber auf einer herbstlich kühlen Parkbank genießt als daheim in der leider nicht mehr gemütlichen Küche. Ich sage nur Strangsanierung.

Was das ist, wissen die am besten, die so eine Art Wurzelbehandlung ihrer Wohngebäude selber überstanden haben. Für alle anderen: Da werden Innenwände vom Keller bis unters Dach aufgerissen, Badewannen und/oder Toiletten demontiert, um Trink- und Abwasserleitungen Stück für Stück auszutauschen. Meine Schilderung weckt reges Mitgefühl bei Freunden, die mich einladen, jederzeit zum Duschen vorbeikommen zu können. Gleiches bietet die hilfsbereite Nachbarin an, deren Strangsanierung erst am Monatsende fällig ist.

Der Bedarf an sozialen Kontakten unter uns Leidgeprüften, die für ein paar Wochen auf einer Baustelle hausen, wächst enorm, selbst in Zeiten der Pandemie. Missliche Lagen haben durchaus ihr Gutes, übe ich mich im positiven Denken. Man lernt zu improvisieren. Und überhaupt, möglichst viel Zeit außer Haus zu verbringen ist immer noch besser, als zum Drinbleiben verdonnert zu sein. Möge uns das Schreckgespenst eines Lockdowns erspart bleiben.

Obwohl, in der fiktiven Story von Etgar Keret, einer meiner Lieblingsautoren aus Tel Aviv, verhält es sich genau andersrum. Unter dem Titel „Outside“ hat die „New York Times“ sie jüngst veröffentlicht. Keret, ein Meister skurriler Kurz- und Kürzestgeschichten, erzählt darin, wie die Leute nach viermonatiger Ausgangssperre gar nicht mehr raus wollen. Sie haben sich an den Zustand, daheim zu hocken, gewöhnt, haben keine Lust mehr, zur Arbeit zu gehen oder in die Mall, sich mit Freunden zu treffen oder auf der Straße von irgendjemand umarmt zu werden, der vor drei Jahren mal im gleichen Yoga-Kurs war.

Die Regierung schickt schließlich Polizei und Soldaten, die mit Stöcken auf die Haustüren schlagen, damit die Leute rauskommen. Aber die erinnern sich nicht mehr genau, welche Jobs sie hatten, und wenn doch, wissen sie nicht mehr, wie man da hinkommt. Ratlos irrt der Protagonist der Geschichte umher. Nur wie man geflissentlich den neben dem Geldautomaten hockenden Bettler übersieht, hat er nicht vergessen. Das ist in seinem Kopf noch programmiert und bringt ihn zurück in die alltägliche Spur.

Nicht gerade ein Happy End. Aber im realen Leben wäre man schon froh, wenn es endlich wieder normal liefe. Wenn private Telefonate nicht mehr ständig in Fachsimpeleien ausarteten, was wessen Lieblingsvirologe meint. Wenn das von der Deutschen Bahn versendete Lockangebot für einen spontanen Trip in die Natur nicht gleich konterkariert würde vom Appell des Bundesgesundheitsministers, auf nicht notwendige Reisen zu verzichten. Wenn es reichen würde, dass alle eine Maske tragen, und fertig aus mit dem Corona-Spuk.

Nun ja, es ist, wie es ist, eben ungewiss. „Wenn meine Wanne wieder drin ist, bin ich glücklich.“ Noch so ein Konditionalsatz, der mir beim Verhandeln mit den Handwerkern rausrutscht. Klingt ein bisschen selbstsüchtig, aber so ein Leben auf der Baustelle verrückt die Prioritäten.

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