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Wie wär’s mit ein wenig Stolz und Dankbarkeit?

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Von: Michael Herl

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Woher kommt die plötzliche Sorglosigkeit? Warum nicht so etwas wie Stolz, im weltweiten Verbund mit Milliarden anderer Menschen das Virus zurückgedrängt zu haben – aber längst nicht besiegt?
Woher kommt die plötzliche Sorglosigkeit? Warum nicht so etwas wie Stolz, im weltweiten Verbund mit Milliarden anderer Menschen das Virus zurückgedrängt zu haben – aber längst nicht besiegt? © Imago

Warum wird der Erreger oft nicht mal mehr benannt? Warum sind wir nicht froh, Corona zurückgedrängt zu haben? Die Kolumne.

Eigentlich ist es ja schon doll, wie toll wir sind. Da hat die Schöpfung mit uns schon ein Meisterstück hingelegt, doch wir schaffen es immer wieder, dieses eigentlich schon ab Werk perfekte Produkt Mensch noch ein Stückchen zu verbessern.

So waren von den Konstrukteuren zur Selbstverteidigung lediglich Fausthiebe, Fußtritte und Kopfstöße vorgesehen. Doch um Gegnerinnen oder Gegner noch toter als tot zu machen, ersannen wir zusätzlich zuerst Keulen, dann Steinschleudern und Morgensterne, später Revolver und Flinten, schließlich Haubitzen, Panzer und Granaten und als vorläufige Krönung der Schöpfungsvervollkommnung Atombomben. Doch diese Schüsse gingen nach hinten los. Die Gründe dafür dürften hinlänglich bekannt sein, müssen also nicht weiter erörtert werden.

Ähnlich aber verhält es sich mit unserem Erinnerungsvermögen. Es hat uns jahrtausendelang das Überleben gesichert. Als die Ersten von uns nach dem Genuss von Maiglöckchen zappelnd umfielen, merkten wir uns das und kosteten nie wieder von den so lecker riechenden Blüten.

Aus ähnlichen Erfahrungen verzichteten wir im Laufe der Zeit auch auf das Fangen von Kugelfischen, Pfeilgiftfröschen und Sydney-Trichternetzspinnen, später dann auf das Berühren heißer Herdplatten und das Wiederaufwärmen von Pilzgerichten. Letzteres aber erwies sich nach einigen Jahrhunderten als Falschmeldung der Lügenpresse, darf somit wieder getan werden.

Das sollte Folgen haben. Fortan nämlich stellten die Menschen so ziemlich alles infrage, was ihnen von den Altvorderen mitgegeben wurde. Schlimmer noch. Sie begannen sogar, den Wahrheitsgehalt eigener Erfahrungen zu bezweifeln, sprich, sie glaubten sich selbst nicht mehr. Von da an wurde es fatal.

Nehmen wir als Beispiel nur mal diesen Erreger. Ich schreibe nun nicht Virus, erst recht nicht Corona und schon gar nicht Covid-19, da Sie dann vielleicht sofort aufhören, zu lesen. Denn womöglich haben Sie – wie so viele – eine Art geistiges Virenschutzprogramm aktiviert, das alles, was mit diesen drei Stichwörtern zu tun hat, ins große schwarze Meer des Vergessenen spült.

Dort drin dümpelt alles, was war. Die Leichenwagenkonvois in Bergamo, die Kühlcontainer vor US-amerikanischen Krankenhäusern, die Zahl der weltweit 6,4 Millionen Tote und die Bilder von Beatmeten in Bauchlage? Aber auch die Schlangen vor den Impfzentren, die Demos von Gänseblümchengläubigen Seite an Seite mit Nazis, die Bratwurst als Belohnung für Impfzauderer oder auch die unbändigen Ängste vor Mangel an Mehl und Klopapier.

Alles weg. Vergessen. Oder eher verdrängt. Denn woher kommt diese plötzliche Sorglosigkeit? Woher der gerade so oft gehörte Satz „Also, nochmal lasse ich mich nicht impfen“, als gelte es, damit jemandem einen Gefallen zu tun? Warum nicht so etwas wie Stolz, im weltweiten Verbund mit Milliarden anderer Menschen das Virus zurückgedrängt zu haben – aber längst nicht besiegt?

Oder so etwas wie Dankbarkeit für die schnelle Entwicklung und Verteilung eines Vakzins und die Erkenntnis, dass eine Impfung weitgehend den Wohlhabenden vergönnt war – und eine daraus resultierende, mit Scham verbundene, abermalige Dankbarkeit? Warum und woher diese selbstherrliche Großkotzigkeit? Unser Reichtum kotzt mich an.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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