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Spuren von Besänftigung

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Von: Michael Herl

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Weihnachten ist das Fest jeglicher Liebe.
Weihnachten ist das Fest jeglicher Liebe. © Britta Pedersen/dpa

Vergessen wir den alten Schmodder und behaupten: Jesus war queer. Schon verändert sich das Weihnachtsfest, entstehen lustige Vorstellungen. Die Kolumne.

Eigentlich – und das sei nicht nur des berühmten lieben Friedens willens mal gesagt – ist Weihnachten ja eine dufte Sache. Gewiss, da ist die Kommerzialisierung, da gibt es den Konsumwahn, den Stress, die Hektik und die unbändige Fresserei, alles gute Gründe für Kritik. Andererseits müssen selbst die muffeligsten Festmuffel eingestehen, dass dieses Ereignis etwas mit uns macht – oder, wie es neuerdings heißt, dass es etwas kann.

So ganz in uns drin lässt es nämlich unversehens so etwas Wohliges und Wehmütiges hochblubbern, uns durchströmen dann Spuren von Besänftigung und ein diffuses, aber angenehmes Gefühl von Heimkommen – selbst wenn wir schon zu Hause sind. Das ist Weihnachten. Ob wir wollen oder nicht.

Es macht also keinen Sinn, sich gegen den sanften Zauber dieses, sagen wir mal Events, aufzulehnen. Weihnachten wird immer gewinnen, es sitzt am längeren Knebel. Also sollten wir uns überlegen, wie wir uns damit arrangieren können. Denn alle Jahre wieder eine Fresse zu ziehen und miesepetrig unter dem nicht vorhandenen Baum zu sitzen, bringt ja auch nichts. Damit (Achtung Therapieansatz) lassen wir zu, dass uns das ungeliebte Ereignis mehr negative Energie schenkt als uns lieb ist.

Also beginnen wir doch einmal mit einer gepflegten Ursachenforschung. Was stört uns an Weihnachten? Gewiss, da sind oben erwähnte Gründe. Doch erstens sind die meistens vorgeschoben, zweitens müssen wir ja bei dem üblichen Rummel nicht mitmachen. Warum gestalten wir uns nicht unser ganz persönliches Weihnachten?

„Im Prinzip gerne, aber mich nervt dieser Jesus“, werden viele nun maulen. Sie stören sich daran, mehr als zweitausend Jahre alten, von vier Männern geschriebenen Geschichten über einen Mann eine Wichtigkeit für ihr eigenes Leben einzuräumen.

Deren Erzählungen handelten schließlich in einer Gesellschaft, in der Frauen ungefähr die gleiche Rolle spielten wie heutzutage im katarischen Fußballverband (okay, abgedroschenes Beispiel. Nehmen wir halt den Vorstand eines DAX-Unternehmens). Kurzum, die Welt des Neuen Testaments war von sabbernden alten weißen Männern dominiert, Frauen hatten da nichts zu melden.

Verständlich, dass sich heute viele damit schwertun, daraus irgendwelche Lehren für ihr jetziges Sein zu ziehen. Vorschlag: Dann machen wir es doch wie im Theater. Was dort nicht passt, wird passend gemacht – wir besetzen einfach um.

Also vergessen wir den alten Schmodder und behaupten: Jesus war queer. Er oder sie oder was auch immer war also lesbisch, schwul, bi, transgender oder, oder, oder – jedenfalls alles, nur keine langweilige Hete, wie uns die Bibel glauben machen möchte. Und sehet, schon erscheint das Fest der Liebe in einem ganz anderen Licht.

Sofort purzeln die lustigsten Vorstellungen durch unsere Gemüter und zaubern uns ein schmutziges Lächeln ins Antlitz. Da gerät die Fronleichnamsprozession flugs zur Christopher-Street-Day-Parade, da wird in Gottesdiensten geknutscht und gefummelt, da ist plötzlich Spaß im Karton.

Wenn wir uns dann noch den Papst als Dragqueen vorstellen, werden auch die Kirchen wieder voll werden. Und übrigens: Wer an einen Gott glauben möchte, soll dies natürlich weiterhin tun dürfen. Alles kann, nichts muss. Frohes Fest!

Michael Herl ist Autor

und Theatermacher

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