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Spiegel der Seele

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Von: Harry Nutt

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Jetzt wird gezählt.
Jetzt wird gezählt. © Imago

Eine Volkszählung boykottiert heute niemand mehr. Eher wirkt die Mitwirkung am Mikrozensus wie eine Bürgerpflicht – und zwar eine extrem nervige. Die Kolumne.

Ich bin ein Gewinner. Ich gehöre zu dem einen Prozent der Bevölkerung, das auserwählt worden ist, für den sogenannten Mikrozensus befragt zu werden. Was es damit auf sich hat? Achtung, ein Zitat: „Der Mikrozensus dient dem Zweck, statistische Angaben in tiefer fachlicher Gliederung über die Bevölkerungsstruktur, die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung, der Familien und Haushalte, den Arbeitsmarkt, die berufliche Gliederung und die Ausbildung der Erwerbsbevölkerung und die Wohnverhältnisse bereitzustellen sowie europäische Verpflichtungen zu erfüllen.“ Zitatende.

Die Auskünfte der wenigen, soll das wohl heißen, entscheiden über die Zukunft der vielen. Ein Kommunarde alten Schlags hätte gesagt: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient?“ Eher noch hätte er oder sie sich vermutlich in den 80er Jahren einem Boykott der Volkszählung angeschlossen. Diese gab für mich damals den Ausschlag, meinen Hauptwohnsitz nach Berlin zu verlegen. Ich mochte mit meiner Verweigerungshaltung meine Eltern nicht behelligen, bei denen ich während meiner Studentenjahre immer noch gemeldet war. An eine tatsächliche Boykottaktion kann ich mich allerdings nicht erinnern. Ich wurde überhaupt nicht gefragt.

Die Befragungen sind also nicht neu, inzwischen jedoch erachte ich die Auskunft als meine Bürgerpflicht – wenn es denn so einfach wäre. Den ersten Anruf einer Datenermittlerin erhielt ich bereits vor zwei Jahren, einen weiteren ein Jahr später. Ich kann es nicht beweisen, aber die Fragen waren mehr oder weniger identisch. Mir blieb schon damals schleierhaft, wie man aus den paar Informationen eine gesicherte Zukunft für das Land zu gewinnen gedenkt. Diesmal rief niemand an. Das Amt schickte per Post einen sechsseitigen Bogen, darin enthalten die dezidierte Verpflichtung, die Fragen beantworten zu müssen. Ein bisschen Obrigkeit muss wohl sein.

Ein wenig genervt ob der neuerlichen Fragerei war ich geneigt zu helfen, wo ich kann. Das Amt zeigte sich großzügig in der Wahl der Waffen: Telefon oder online. Ich entschied mich für die Online-Variante und sah mich sogleich in einen endlosen Registrierungsvorgang verstrickt, aus dem ich erschöpft, aber unversehrt wieder herausfand. Allerdings ohne Vollzugsmeldung. Also doch Telefon?

Die angegebene Gratisnummer war unbesetzt. Also entschied ich mich für die gebührenpflichtige Lösung, bei der sich sogleich ein freundlicher Herr meldete. Da ich meine Verstimmung über die bis dahin verbrachte Zeit nicht einfach herunterschlucken mochte, warnte ich ihn vor: Achtung, jetzt kommt eine Fuhre Unmut.

„Nur zu“, sagte der Datenerfasser, „ich bin ganz bei Ihnen.“ Angesichts der Gemeinsamkeit simulierenden Floskel witterte ich eine Beschwichtigungsstrategie. Im weiteren Verlauf des Gesprächs aber erwies sich mein Gegenüber als jemand, der wie ich an der mangelnden Sinnhaftigkeit dieser Modernisierung verheißenden Übung litt. Wir einigten uns darauf, unsere Gesprächsanordnung geduldig zu Ende zu bringen, als sei es ein Akt der Subversion.

Als wir aufgelegt hatten, verfestigte sich in mir der Verdacht, dass der Mikrozensus vor allem dazu dient, den behördlichen Autoritätsverlust mit technologischer Undurchdringlichkeit zu kompensieren. Der Mikrozensus als Spiegel der Seele des homo digitalis.

Harry Nutt ist Autor.

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