Vom Asyltourismus bis zum Kreuzerlass

Markus Söder auf Kanzler-Kurs: Zu welchem Unsinn der CSU-Mann im Stande ist

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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CSU-Frontmann Markus Söder erlebt seit der Corona-Pandemie in Umfragen ein Hoch. In Sachen Selbstinszenierung ist ihm bekanntlich nichts zu peinlich. Ein Best-of.

  • Eignet sich Markus Söder tatsächlich zum Kanzler?
  • Markus Söder und der Kreuz-Erlass in Bayern.
  • Markus Söder: Selbstinszenierung in der Corona-Krise.

Eignet sich der bayrische Ministerpräsident Markus Söder tatsächlich zum Kanzler? Oder, wie es die „Bild“ beherzter formuliert: „Kann ein Bayer wirklich Kanzler werden?“ Der Springer-Postille könnte man zurufen, dass der Mann der CSU sich stets als stolzer Franke in Szene setzt, aber das ist nur eine Petitesse.

Kanzlerkandidatur von Markus Söder: Der alles checkende Staatsmann in der Corona-Krise

Tatsächlich sprechen die Umfrageergebnisse der Forschungsgruppe Wahlen von Anfang Juli eine deutliche Sprache. 64 Prozent halten den christsozialen Karneval-Fan geeignet für die Kanzlerschaft. Der in höchste Sphären Hochgevotete gibt sich derzeit jedoch zurückhaltend und hat sich offiziell nicht zur Kanzlerkandidatur bekannt. Dennoch diktierte Markus Söder von der CSU dem „Tagesspiegel“ in die Feder, dass „nur wer Krisen meistert, wer Pflicht kann, der kann auch bei der Kür (aka Kanzlerschaft) glänzen“.

Hier scheint er einigermaßen unbescheiden von sich selbst gesprochen zu haben, denn gerade in Zeiten von Corona inszeniert sich Markus Söder gerne als der alles checkende Staatsmann der CSU, der über sein Volk wacht wie der Schäfer über seine Schäfchen. Darüber gerät bisweilen in Vergessenheit, dass der Franke noch 2018 der unbeliebteste Ministerpräsident Deutschlands war – doch dann kam Corona und sein Stern begann über Ländergrenzen hinweg zu strahlen.

Kanzlerkandidatur von Markus Söder: Erinnerungen an „Asyltourismus“ und „kleine Welpe Idefix“

Daher und aus Furcht vor einer bayuvarisierten Republik sei an jene Zeiten erinnert, als Markus Söder noch keine „Kreide gefressen“ hatte und eher durch Brachialrhetorik aufgefallen war. Man denke an seinen mehrfach in Stellung gebrachten „Asyltourismus“, der Menschen auf der Flucht mit einem spaßigen Urlaubstrip assoziiert und ihnen damit jedwede existentielle Berechtigung für ihr Handeln abgesprochen hatte.

Empathische Teilnahme am Schicksal von Geflüchteten ist seine Sache nicht, als fürsorglicher Hundedaddy von der CSU hingegen hat sich Söder längst positioniert. „Das ist der kleine Welpe Idefix. Er wartet im Tierheim Nürnberg auf ein neues Zuhause“, setzte Markus Söder 2018 einen rührenden Tweet ab, in dem er mit Hündchen auf dem Arm die Herzen aller Tierliebhaber*innen zu brechen versuchte. Denn der Hund ist bekanntlich des Deutschen treuester Gefährte und ein Wauwau mit schwarzen Knopfaugen schließlich fotogener als Menschen auf einem Schlauchboot, die um ihr Leben fürchten.

Bayrischer Ministerpräsident: Markus Söder hat bei den Wutbürgern gespickt

Aber man kann dem CSU-Mann nicht nachsagen, dass er sich nicht um die nach Deutschland Gekommenen den Kopf zerbricht, insbesondere um „Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien“. Die sollten nämlich, so ein famoser Vorschlag von Markus Söder, in ganztägigen „Deutschklassen“ unterrichtet werden, um neben Deutsch auch deutsche „Werte“ vermittelt zu bekommen: „Nur diejenigen Schüler kommen in den Regelunterricht, die unsere Sprache sprechen und unsere Werte verstehen.“

Schließlich sei Bayern dank der CSU und laut Markus Söder „christlich-abendländisch geprägt mit jüdischen und humanistischen Wurzeln“, entsprechend habe sich jeder „unseren Sitten und Gebräuchen“ anzupassen. Da hat der Herr Ministerpräsident aber brav bei den Wutbürgern abgeschrieben, die es mit den jüdischen Wurzeln allerdings wenig halten und schon gar nicht mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe.

Kreuz-Erlass in Bayern: Denn nicht nur Markus Söder wacht über Bayern

Dafür stehen sie immerhin seit den religiös motivierten Feldzügen wie ein Mann hinter dem Kreuz, das Markus Söder ebenfalls 2018 in alle behördlichen Eingangsbereiche befahl. Auf dass beim braven Bürger keinerlei Zweifel aufkommen, wer neben dem Franken noch über ihm wacht. Dabei wollte Söder das Kreuz gar nicht als religiöses Symbol des Christentums verstanden wissen.

„Das Kreuz ist das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung“, sagt Markus Söder und deshalb verstoße es nicht gegen das Neutralitätsgebot. Aha, da will er uns also die „christlich“ geprägte Identität der CSU und der Bayern als neutral verkaufen, nur weil er die Religionszuschreibung im hinteren Teil des Satzes platziert.

Kanzlerkandidatur von Markus Söder: 2018 stellte er die bayrische Raumfahrtstrategie vor

Aber jenseits des Kreuz-Kults beherrscht Markus Söder auch den Personenkult aus dem Effeff. Ganz im Wahlkampfmodus hatte er (Oktober 2018) gar nach den Sternen gegriffen, als er mit „Bavaria One“ die bayrische Raumfahrtstrategie der CSU vorstellte. „Zukunft heißt Technologie. Bayern ist Marktführer: wir investieren in Digitalisierung, Robotik, künstliche Intelligenz, Hyperloop und Raumfahrt und entwickeln sogar Quantencomputer“, freute er sich auf Twitter, um gleichsam sein Konterfei in einem entsprechenden Logo zu präsentieren.

Bayern beziehungsweise Markus Söder auf den Spuren von Armstrong – das sah zwar einigermaßen lächerlich aus und wie von der „Titanic“ designt, aber Söder schien hier die Überbetonung seiner Persönlichkeit analog zum real existierenden Sozialismus zu priorisieren.

Kanzlerkandidatur von Markus Söder: Selbstinszenierung und Fremdschämen liegen nah beinander

Dem Mann ist offenbar in Sachen Selbstinszenierung nichts peinlich, was ihn für die Kanzlerschaft geradezu prädestiniert. Die Wähler*innen sollten sich dennoch vor Augen halten, zu welchem Unfug ein Markus Söder so alles im Stande ist. Im besten Fall könnte das Land in Fremdscham erstarren, im schlechteren sich die Empathiebefreitheit in real politisches Handeln überführen – und zwar konsequenter, als dies unter Angela Merkel bereits der Fall ist. Und wer weiß, ob bei der CSU nicht eine flächendeckende katholische Zwangstaufe geplant ist? (Von Katja Thorwarth)

Kolumne: Auch Bayerns Ex-Ministerpräsident Horst Seehofer steht immer wieder im Rampenlicht. Nach Stuttgart und dem Ärger mit der taz sagt Horst Seehofer: Worte können zu Gewaltexzessen führen. Da spricht ein wahrer Experte.

Markus Söder gibt sich beim ARD-Sommerinterview gewohnt souverän – und hat einen Ratschlag für die künftige CDU-Kanzlerschaft. Verkehrsminister Scheuer kommt bei Söder weniger gut weg.

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel

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