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Gerhard Schroeder genießt eine Currywurst.
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Gerhard Schroeder genießt eine Currywurst.

Kolumne

So überholt wie der Motor

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Ein guter Wein ist zu schade für Glühwein. Und da ich keinen schlechten Wein trinke, trinke ich auch keinen Glühwein. Ähnliches gilt für die Currywurst. Die Kolumne.

Eigentlich gelangt man ja mit zunehmendem Alter immer wieder zu zwei Erkenntnissen, die sich auf den ersten Blick grundsätzlich widersprechen. Man kann sich dann auf eine festlegen, oder aber – das machen Lebenskünstler oder Zwangsgrübler (wobei die Grenzen zwischen den zwei Daseinsformen mehr als fließend sind) – je nach momentaner Befindlichkeit zwischen beiden hin- und herchangieren.

In Wahrheit sind beide Einsichten so weit voneinander entfernt, dass sie sich am Ende der Unendlichkeit schon wieder vereinen. Erkenntnis Nummer eins ist ein alter philosophischer Hut, nämlich: „Je mehr ich weiß, umso mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.“ Nummer zwei lautet: „Eigentlich ist alles ganz einfach.“

So ist es auch bei der Wurst. Genauer gesagt bei der Currywurst. Dieses, nennen wir es mal „Gericht“, wird seit Jahrzehnten bejubelt, besungen, gefeiert, gelobt – und gegessen. 800 Millionen Portionen davon wandern jährlich in deutsche Bäuche, also zehn pro Magen (Anmerkung: Irgendwer muss da zwanzig futtern, denn ich esse keine). Und fast drei Jahrzehnte lang war sie das beliebteste Gericht in den Kantinen.

Nun fiel sie auf Platz zwei, abgelöst von einer anderen kulinarischen Unsitte, nämlich dem, was man hierzulande unter „Spaghetti Bolognese“ versteht, Tumbdeutsch „Bolo“ genannt. Gemeint ist eine rotbraune, geschmacksverstärkte Quaddelfleischsoße auf einem Berg Nudeln, die man sich in der Warmhaltewanne selbst ausstechen muss. Das ist eine anmaßende Unverschämtheit, eine Ohrfeige für die bolognesische Küchenkunst, der raffiniertesten in ganz Europa – aber hier nicht Thema. Hier geht es ja um die Wurst. Um die Currywurst.

Mit der Currywurst ist es wie mit dem Glühwein – nämlich ganz einfach: Ein guter Wein ist zu schade für Glühwein. Und da ich keinen schlechten Wein trinke, trinke ich auch keinen Glühwein. Ähnlich verhält es sich übrigens beim Sekt – und eben bei der Wurst. Man stelle sich einen Metzger vor, der akribisch die Herkunft seines Fleisches überprüft, es behutsam verarbeitet, sorgsam mit feinen Kräutern und Gewürzen abschmeckt – und dann erfährt, dass Menschen sein Werk zerfetzen, mit einer chemiestrotzenden Curry-Ketchup-Pampe überschütten und zusammen mit fetttriefenden „Pommes Schranke“ verschlingen? Das ist es, was Karl Marx mit „entfremdete Arbeit“ gemeint haben muss.

„Wenn rauskommt, was da reinkommt, kommen wir rein und nicht mehr raus“, lautet eine alte Furcht weniger verantwortungsvoller Fleischer. Die Leute wissen das, und sie wissen, dass sie längst nicht alles wissen – und fressen den Kram trotzdem. Denn noch immer ist den Deutschen die Qualität ihres Motorenöls wichtiger als die ihres Speiseöls. Dabei wäre die Konsequenz ganz einfach: Auf den Dreck verzichten.

So geschah es jüngst in einer Werkskantine von VW. Das ist richtig, denn die dortige Currywurst war so überholt wie der Verbrennungsmotor. Ich weiß das, ich musste sie mal probieren. Dass die Maßnahme einen der berühmten „Shitstorms“ in den asozialen Medien hervorrief, beweist einmal mehr ihre Sinnhaftigkeit. Und erst recht, dass dann Alt-Autokanzler Schröder von einem Verlust des „Kraftriegels der Facharbeiterinnen und Facharbeiter in der Produktion“ faselte.

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