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So geht es nicht weiter

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Von: Michael Herl

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Private Pools nicht mehr mit Gas oder Öl heizen? Den Ratschlag würde ein Großteil der Menschen mit Kusshand befolgen – wenn sie denn überhaupt fließendes Wasser und eine Heizung hätten.
Private Pools nicht mehr mit Gas oder Öl heizen? Den Ratschlag würde ein Großteil der Menschen mit Kusshand befolgen – wenn sie denn überhaupt fließendes Wasser und eine Heizung hätten. © Patrick Pleul/dpa

Keine Bange. Es muss und es wird noch viel passieren. Und Wohlstandsverlust ist dabei nicht der einzige Aspekt. Die Kolumne.

Eigentlich hätte er das nicht noch extra dazusagen müssen. Denn was Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts, mitzuteilen hatte, spüren die meisten von uns in diesem Lande bereits am eigenen Leib. Der „Preisschock“ sorge für einen „permanenten Wohlstandsverlust“ in großen Teilen der Bevölkerung, verkündete der Ökonom im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und ließ keinen Zweifel daran, dass es erst einmal vorbei sei mit dem süßen Leben. Im Ruhrgebiet würde man sagen: „Wir sind fertig mit Schönschreiben.“ Und zwar auf unbestimmte Zeit.

Nicht, dass das niemand kommen sah. Es ist wie mit so vielem dieser Tage. Egal ob Corona, Klimawandel, Überflutungen, Inflation, Auswüchse von Massentierhaltung und Monokultur, das unerschütterliche Setzen auf fossile Brennstoffe, die Vergötterung des Verbrennungsmotors oder die Fragilität der Produktion in Billiglohnländern, vor alledem warnten Scharen seriöser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon vor Jahrzehnten.

Allein, sie fanden kein Gehör. Zu kommod hatten wir es uns in unserem Wohlstand gemacht, als dass wir seine Endlichkeit in Betracht hätten ziehen können. Und selbst wenn sie gewollt hätten, die jeweils Regierenden hätten es nie geschafft, uns Volk den Ernst der Lage begreiflich zu machen oder gar vernünftige Maßnahmen zu ergreifen.

Das ist ja heute noch schwierig, nun, wo der Karren bereits tief im Dreck steckt. Dabei hätte es nicht mal eines Abiturs, geschweige denn eines Studiums bedurft, zu erkennen, wie falsch diese Pfade waren, auf denen wir mit Vollgas in den Untergang brausten. Eins und eins zusammenzählen hätte genügt, oder halt schlicht den sogenannten gesunden Menschenverstand gebrauchen, der eigentlich uns allen gegeben sein müsste.

Denn um zu wissen, dass nichts ewig wächst, braucht man nicht mal Kleingärtnerin oder Kleingärtner zu sein. Also hat auch ein Wirtschaftswachstum ein Ende – zumal das, im Gegensatz zu Bohnen und Blumen, seine Energie immer aus dem Schrumpfen anderer bezieht. Wirtschaft kann man nicht gießen. Sie nährt sich aus der Energie derer, die den Kampf um einen Platz an der Sonne verloren haben. Genau da liegt auch jetzt das Problem. Denn der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Wenn nämlich wir von „Verlust von Wohlstand“ reden, entlockt das geschätzt 80 Prozent der Menschheit nur ein müdes Lächeln. Crisis? What crisis? Wer eh schon am Boden liegt, den haut so schnell nichts um.

Statt baden besser duschen, und das nur noch maximal drei Minuten lang? Die Wohnung nur bis höchstens 18 Grad heizen? Die Hände nur mit kaltem Wasser waschen? Private Pools nicht mehr mit Gas oder Öl heizen? Die Ratschläge würde ein Großteil der Menschen mit Kusshand befolgen – wenn sie denn überhaupt fließendes Wasser und eine Heizung hätten.

Das nächste Problem folgt sogleich. Marcel Fratzscher schränkte nämlich seine Vorhersage des Wohlstandsverlusts von vornherein ein. Wirklich betroffen seien nämlich nur etwa 40 Prozent der Bevölkerung, sprich die, die’s eh nicht so dicke haben. Der Rest wird sich seinen Wohlstand immer noch nicht einschränken lassen. Dann zahlt man halt ein bisschen mehr für die warme Wohnung. Wir sehen: Es muss noch viel passieren. Aber keine Bange. Es wird noch viel passieren.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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