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Skandal mit Luftpolstern

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Von: Harry Nutt

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Tom Buhrow, der interimsmäßig den Vorsitz in der ARD von der zurückgetretenen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger übernommen hat, musste unlängst zugeben, dass sein Dienstwagen ebenfalls über die längst zum Skandalmöbel avancierten Massagesitze verfüge.
Tom Buhrow, der interimsmäßig den Vorsitz in der ARD von der zurückgetretenen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger übernommen hat, musste unlängst zugeben, dass sein Dienstwagen ebenfalls über die längst zum Skandalmöbel avancierten Massagesitze verfüge. © Oliver Berg/dpa

Ein Automobilclub gibt viele Tipps - auch zur Rutschfestigkeit von Sitzen. Darauf haben sie beim öffentlichen und rechtlichen Rundfunk lange nicht geachtet.

Es ist keineswegs so, dass der ADAC nicht schon vor Jahren vor der besonderen Ausstattung des Sitzmöbels im Straßenverkehr gewarnt hätte. In der Lobby-Organisation, in der der Deutschen Liebstes nach allen Regeln der Kunst behütet wird, weiß man um die Gefahren der Missgunst.

Damals bezog sich der Einwand allerdings auf Massageauflagen aus Holzkugeln, die schon aus ästhetischen Erwägungen einem Verbrechen sehr nahe kamen. Dabei lag der Vorteil der Massageauflagen auf der Hand: Sie sorgten insbesondere am verlängerten Rücken für eine verbesserte Luftzirkulation und dadurch für eine angemessene Durchblutung. Wer kennt als reiferer Mensch nicht die Leiden nach einen längeren Autofahrt, die selbst das Aussteigen zu einer körperlichen Grenzerfahrung machen.

Die Aufmerksamkeit des ADAC war in diesem Fall aber eine wohlmeinende Gefahrenanalyse: Bei einem Crash könne der auf Kugeln sitzende Fahrer unter dem Gurt durchrutschen, bei einem Unfall, so der ADAC, könne das zu lebensgefährlichen Verletzungen führen. Der Club empfahl, ausschließlich Sitzbezüge mit Prüfzeichen zu verwenden, die sich rutschfest anbringen lassen.

Tja, auf Rutschfestigkeit hat man in den Intendanzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks lange Zeit nicht geachtet. Selbst Tom Buhrow, der interimsmäßig den Vorsitz in der ARD von der zurückgetretenen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger übernommen hat, musste unlängst zugeben, dass sein Dienstwagen ebenfalls über die längst zum Skandalmöbel avancierten Massagesitze verfüge. Wer dem Aufenthalt im Autoverkehr nicht vollends abgeschworen hat, vermag den körpernahen Dienstleistungen kaum noch zu entkommen.

Die Compliance-Expert:innen in deutschen Führungsetagen sind gerade derart stark beschäftigt, dass sie noch nicht zu einer abschließenden Folgenabschätzung zum angemessenen Gebrauch von Autositzen gekommen sind. Wir greifen deshalb gern mit ein paar Handreichungen vor: Der Massagesitz ist keineswegs allein ein der Luxusklasse vorbehaltenes Privileg, sogenannte Relax-Sessel gibt es längst auch in Kleinwagen.

Zugegebenermaßen habe ich nie so recht verstanden, wie man die Dinger einstellen muss, um nicht zusätzliche Schmerzen zu erzeugen. Nach einiger Zeit habe ich mich dazu durchgerungen, die Positionen regelmäßig zu verändern, um allein durch die Variation Haltungsschäden zu vermeiden.

Dabei folgt die Entspannungstechnik trotz erheblicher Komfortunterschiede fast immer demselben Prinzip. Einzelne Luftpolster werden in der Lehne und Sitzfläche aufgepumpt und anschließend die Luft wieder abgelassen, um so an gezielten Stellen Druck auf den Rücken und die Oberschenkel auszuüben. Je nachdem wie aufwendig das System ist, lassen sich verschiedene Massagemuster realisieren – von einer Wellenbewegung über den ganzen Sitz bis hin zur Beschränkung auf einzelne Bereiche.

In Fabrikaten, bei denen man etwas auf sich hält, nennt man das Hot-Stone-Massage, im Bentley Flying Spur sind die Sitze klimatisiert. Als verlängertes Büro – die Metapher vom Sitzfleisch erhält so eine ganz andere Bedeutung – eignet sich dieser Fahrzeugtyp nicht zuletzt wegen der großen Beinfreiheit. Gerade die aber möchte man dem Führungspersonal der Rundfunkanstalten nicht länger gestatten.

Harry Nutt ist Autor.

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