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Skala im Hirn

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Von: Johannes Dieterich

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Deutschland kann zwei Millionen Flüchtlinge aufnehmen und sieht zu, wie jährlich Tausende afrikanischer Migrant:innen im Mittelmeer ertrinken. Das ist eine Frage der Prioritätensetzung.
Deutschland kann zwei Millionen Flüchtlinge aufnehmen und sieht zu, wie jährlich Tausende afrikanischer Migrant:innen im Mittelmeer ertrinken. Das ist eine Frage der Prioritätensetzung. (Symbolbild) © Candida Lobes/dpa

Wer ist willkommen und wer nicht? Für wen ist genug Geld da? In Zeiten des Ukraine-Kriegs zeigen sich die Prioritäten. Die Kolumne.

In den vergangenen Jahren war einiges zu lernen. Etwa, dass Deutschland nicht zugrunde geht, wenn es über eine Million Flüchtlinge aufnimmt – und kurz später seine Grenzen für eine weitere Million ukrainischer Kriegsopfer öffnet. Sie haben den Deutschen weder die Frauen noch die Arbeitsplätze gestohlen: Derzeit werden im Land der mittelständischen Betriebe so viele Fachkräfte wie seit langem nicht mehr gesucht. Auch hat das Deutschtum keinen Schaden durch Überfremdung gelitten: Das Oktoberfest zog nach zweijähriger Pause immerhin fast sechs Millionen Menschen an.

Wir haben außerdem gelernt, dass die USA mehr als 50 Milliarden Dollar für einen in Not geratenen Staat zur Verfügung stellen kann, nämlich für die Ukraine. Die EU-Staaten haben noch 30 Milliarden Euro draufgelegt.

Mit solchen Summe könne der Hunger in der Welt locker beseitigt werden, weiß Bjorn Lomborg, Autor des Bestsellers „How to spend 75 Billion Dollar and make the world a better place“. Das englische Wort „Billion“ bedeutet Milliarden. Schon mit wenigen Milliarden Dollar ließe sich die Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft verdoppeln, erläutert Bill Gates.

Schließlich haben wir gelernt, dass selbst Nationen, die sich der Marktwirtschaft verpflichtet haben, Firmen wie Uniper verstaatlichen und dem Gaspreis einen Deckel verpassen können, ohne dass die Welt untergeht. Höchstens die Welt der unverbesserlichen Neoliberalen: Doch in ihr war ohnehin nur für umtriebige Individualistinnen und Individualisten Platz.

Dass Deutschland zwei Millionen Flüchtlinge aufnehmen kann, während gleichzeitig die europäischen Grenzen zum südlichen Nachbarn noch dichter versiegelt wurden und jährlich Tausende afrikanischer Migrant:innen im Mittelmeer ertrinken, ist also eine Frage der Priorität: Je hellhäutiger ein Flüchtling ist, desto eher ist er willkommen. Auch kann jetzt keiner mehr sagen, für den Kampf gegen die Armut, gegen den Hunger und Malaria sei kein Geld vorhanden: Würden Europäer:innen noch an Malaria oder des Hungers sterben, wäre dieser Anstoß schnellstens beseitigt. Wir Journalist:innen haben eine Skala im Hirn, die wir bei Vorfällen bewusst oder unbewusst anwenden: Berichtenswert ist ein Toter in der Nachbarschaft, fünf Tote im Land, 20 Tote auf dem Kontinent und 100 in der Welt. Das hängt nur teilweise mit der geografischen Entfernung zusammen: Wird ein deutscher Tourist in Südafrika ermordet, wird darüber auch ausführlich in Darmstadt berichtet.

Das Phänomen hängt mit dem relativen Wert von Menschen für andere zusammen – ihn mit dem absoluten Wert eines Menschen zu verwechseln, wäre verhängnisvoll. Jemand kann mir näher oder wertvoller sein – ein anderer ist dasselbe für einen anderen Zeitgenossen. Wer den Grundsatz bestreitet, dass Menschen bei aller Ungleichheit dieselben Rechte haben, fällt in feudale mittelalterliche Verhältnisse zurück und lebt dort unter akuter Lebensgefahr. Wer wird ihm den Schutz gewähren, den er anderen verwehrt?

Es führt kein Weg daran vorbei: Wir brauchen eine Weltordnung, die grundsätzliche und globale Fragen wie die Migration oder den Klimawandel regelt, und wir brauchen lokale Gremien, die etwa Richtlinien fürs Rasenmähen erlassen. Zwischendrin sind noch weitere Etagen der Rechtsprechung und der Verwaltung nötig. Nur eines brauchen wir nicht: Völker oder Nationalstaaten, die aus scheinbar biologischen Gründen Rechte und Privilegien ableiten. Also, um Gottes und gegen Putins Willen: Machen wir endlich Schluss damit!

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

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