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Sind wir schon Sklaven der KI?

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Von: Harry Nutt

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Hebebühne in einer Autowerkstatt
„Das berechnen wir nicht, es ist Bestandteil Ihres Service-Pakets“. Ach, wie schön. © David-Wolfgang Ebener/dpa

Vor dem Computer versteinern die Gesichter wie das einer Bankberaterin oder eines Bankberaters angesichts des prekären Zustands des Dispokredits. Die Kolumne.

Neulich bei der Inspektion. (Sorry, ich fahre mein Auto noch. Ich liebe es sogar, aber darum geht es gerade nicht.) Wer Wert darauf legt, sein Auto in einem scheckhaftgepflegten Zustand zu halten – oder es allein aufgrund des Leasingvertrags dazu verpflichtet ist –, achtet auf die regelmäßige Wahrnehmung der vorgesehenen Servicetermine. Die Bordelektronik ist so frei, alles genau nachzuhalten. Diesmal wollte ich schneller sein. Noch ehe es unterhalb des Tachometers aufblinkte, hatte ich bereits einen Werkstatttermin ausgemacht.

Die Übergabe des Fahrzeugs in der Werkstatt verläuft heute so ähnlich wie ein Vorgespräch beim Zahnarzt oder bei der Zahnärztin. In der Branche hat man sich früh darauf verständigt, Ängste durch verbesserte Kommunikation und größtmögliche Transparenz zu nehmen. „Wir bohren jetzt hier und hämmern da. Achtung, gleich wird es etwas kalt. Jetzt tut es mal kurz weh. Privat oder Kasse?“

Die vornehme Eleganz der großen Hallen kam mir schon immer verdächtig vor. Ich nahm sie als trügerische Anerkennung wahr, ein Modell dieses Herstellers gewählt zu haben. Aber anders als bei der Zahnärztin oder beim Zahnarzt stellen die Druckluftgeräusche, die irgendwo in der Nähe der Hebebühne entstehen, keine körperliche Bedrohung dar. Vielmehr wird man mit sanfter Stimme über Öl- und Luftfilterwechsel informiert. „Das berechnen wir nicht, es ist Bestandteil ihres Servicepakets.“ Ach, wie schön.

Dann war da noch die Sache mit der Bremsflüssigkeit. B. liegt mir jedes Mal in den Ohren, gezielt danach zu fragen. Wenn mit der Bremsflüssigkeit alles seine Richtigkeit habe, meint sie, fühle es sich gleich besser an. Diesmal gab es allerdings ein Problem. Es gehört zum Service – von Oktober an.

Prima dachte ich, es ist der 28. September, gutes Timing. Das Gespräch mit dem freundlichen Mechatroniker geriet ins Stocken. Ein Ausdruck des Bedauerns machte sich in seinem Gesicht breit. Hatte er gesagt, ich müsse im Oktober wiederkommen? „Ihr Ernst jetzt? In drei Tagen?“ Ja, da könne er leider nichts machen. Der Hersteller übernehme den Gratisservice nun einmal nicht im September, die Aktion laufe erst ab Oktober.

Im Zustand wachsender Erregung habe ich dann ein paar schlimme neoliberale Phrasen ausgestoßen, was ich hernach bereute. Die schöne Anordnung erhabener Geschäftskommunikation, in der eins ins andere flutscht, war dahin.

Beim Verlassen des Autohauses kam ich ins Grübeln. Und weil ich mich nicht damit abfinden mochte, alles der Bösartigkeit eines Mechatronikers zuzuschreiben, kam ich zu dem Ergebnis, dass wir es hier mit einem klaren Fall von moderner Versklavung unter Anwendung künstlicher Intelligenz zu tun haben.

Die Geräte haben längst übernommen. „Sorry, da können wir leider nichts machen. Das ist im Computer so hinterlegt.“ Keine Kulanz, keine Flexibilität, kein „Na gut, weil Sie es sind“. Vorm Rechner versteinern die Gesichter wie das einer Bankberaterin oder eines Bankberaters angesichts des prekären Zustands des Dispokredits.

Als ich später begann, mir durch empörtes Nacherzählen meines Erlebnisses etwas Luft zu machen, erntete ich von allen nur ein mitleidiges Lächeln. Ist doch nicht so schlimm. Deine KI-These, ist die nicht etwas verschwörerisch? „Und?“, fragte B. „Hast du nach der Bremsflüssigkeit gefragt?“

Harry Nutt ist Autor.

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