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Sie sind halt anders

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Von: Michael Herl

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Ja sie sind anders, die AfD und ihre Wähler. Aber wie tolerant kann man ihnen gegenüber sein?
Ja sie sind anders, die AfD und ihre Wähler. Aber wie tolerant kann man ihnen gegenüber sein? © Moritz Frankenberg/dpa

Dieser Satz hilft, kritische Lebenssituationen zu meistern und bewahrt einen davor zu verzweifeln. Es gibt aber auch Ausnahmen. Die Kolumne.

Eigentlich wollte ich es nicht wahrhaben, was Regine da sagte. Wir waren damals zarte 24, voller Tatendrang und Hoffenskraft und willens, mindestens mal alles zu verändern. Ja, wir hielten uns für so etwas wie Zukunft. Und mitten in diese Zeit platzte Regine mit dem Satz „Michael, manche Leute sind halt anders.“

Sie meinte damit nicht, dass es schwarze Menschen gibt und gelbe und rote, das war ja klar. Nein, ich hatte mich gerade mal wieder fürchterlich aufgeregt über irgendjemanden, der nicht in mein Weltbild passte. Vielleicht hatte er seinen Vorgarten zubetoniert oder sein Auto tiefergelegt, womöglich hörte er Volksmusik, trug Micky-Maus-Socken oder aß diesen entsetzlichen Billigfleischsalat in einem Mayonnaisemeer. Irgendwas wird schon gewesen sein. Und dann sagte Regine in all ihrer Sanftmut diesen Satz – und der sollte mich mein Leben lang begleiten.

Seit fast vierzig Jahren denke ich nun in jeder passenden Situation an diese nachgerade buddhistische Weisheit. Etwa wenn jemand Pizza Hawaii bestellt. Mir fährt es dann kalt den Buckel herunter, ich denke an Giulio, der meinte „immer, wenn ich Ananas auf eine Pizza lege, stirbt in Italien ein Pizzabäcker“, suche trostspendenden Blickkontakt zu dem Mann am Ofen, bemerke dann aber, dass ihm als Pakistani Pizza Hawaii am Arsch vorbeigeht, sacke verkümmert in mich zusammen – und suche und finde Erbauung in dem Satz von Regine. Okay, die sind halt anders. Der pakistanische Pizzabäcker und der Mensch, der Pizza Hawaii (würg) orderte (und schon aussieht wie…, ach egal).

Der kluge Satz bewährt sich tatsächlich in nahezu allen Lebenssituationen. Wenn Leute ihren Elektroroller quer auf den Gehweg stellen, wenn sie mit Jogginghose ins Theater kommen, über Wochenende „auf Malle“ fahren („im Landesinnern ist es ganz anders“), einem immer wieder erzählen, wie geil das Leben als Veganer ist, ständig aufs Smartphone glotzen, Atomkraftwerke für eine sinnvolle Lösung der Energieproblematik halten, Christian Lindner „irgendwie gut“ finden, von Bitcoins faseln, immer noch von „Wachstum“ träumen, Lotto spielen und an einen Gewinn glauben („Letztens hat einer in Nordhessen…“), ihren Drecksköter mit ins Restaurant nehmen oder mich schief ansehen, weil ich Helene Fischer „irgendwie gut“ finde.

All diese Leute finde ich nicht zum Kotzen, denn ich weiß, sie sind halt nur anders. An einem Punkt allerdings versagt die Zauberkraft von Regines Weisheit. Nein, falsch, nicht einmal bei Nazis. Menschen wie Björn Höcke finde ich zwar ekelerregend und mit allen demokratischen Mitteln zu bekämpfen – räume ihnen aber eine Berechtigung ein.

Sie sind zwar so anders, wie jemand nur anders ein kann, doch sie haben ihre feste Meinung, die eine starke Demokratie aushalten muss – und kann. Schwieriger wird dies bei den rund 150 000, die in Niedersachsen „aus Protest“ die AfD wählten.

Was soll man denn mit denen anfangen? Mit Leuten, die nur mal eben aus Jux und Dollerei einer rechtsradikalen, menschenverachtenden Partei ihre Stimme geben? Was, außer Stroh, haben die denn bitteschön im Kopf? Ich halte solche Pappnasen für schlimmer als die schlimmsten Nazis. Und so anders, dass bei ihnen selbst Regines kluger Satz nicht mehr greift.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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