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Die Documenta sollte trotz der berechtigten Antisemitismus-Vorwürfe nicht boykottiert werden

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Von: Inge Günther

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Dass bei der Doc-15-Gestaltung diesmal die Kreativen aus dem globalen Süden ran durften, bietet nicht nur konzeptionell eine bewusstseinserweiternde Erfahrung.
Dass bei der Doc-15-Gestaltung diesmal die Kreativen aus dem globalen Süden ran durften, bietet nicht nur konzeptionell eine bewusstseinserweiternde Erfahrung. © Swen Pförtner/dpa

Die Documenta in Kassel sollte trotz der berechtigten Antisemitismus-Vorwürfe nicht boykottiert werden. Die Kolumne.

Kassel – Man sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen. Jenseits der Feuilleton-Debatten, ob die Documenta fifteen nicht ganz koscher ist. Also machten wir uns zu Dritt, der Julihitze trotzend, nach Kassel auf, kurz vor Halbzeit der hunderttägigen Kunstschau.

Hat sich der Besuch gelohnt? Für uns allemal! So viel stand fest, als wir zum Abschluss zweier bis an den Rand der Aufnahmefähigkeit gefüllter Tage ermattet auf einer Bank in der Karlsaue das Erlebte Revue passieren ließen.

Vor uns die Orangerie mit fußballfeldgroßer Wiese, darüber wie von Riesenhand verstreut mannshohe Ballen aus Altkleidern und Computerschrott, von der „Ersten Welt“ zur Entsorgung nach Afrika exportiert. Mittendrin eine aus gleichem Material zusammengewürfelte Hütte als Kontrapunkt zu dem prächtigen Palast. Sinnfällige Kulisse, wie die westliche Konsumwelt sich ihrer Abfallprobleme entledigt, ohne sich groß darum zu scheren, was damit in Kenia und anderswo angerichtet wird.

Die Doc-15 in Kassel beschäftigt sich auch mit der postkolonialen Perspektive

Es ließen sich mehr herausragende Beispiele nennen, die den Blick aus postkolonialer Perspektive schärfen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit kapitalistischer Ausbeutung, Gewaltverhältnissen und Diskriminierung durchzieht quasi als Leitidee die meisten Projekte. Weshalb auch allenthalben die Graswurzel-Gemeinschaft als real gelebte Utopie zelebriert wird – bisweilen etwas erschöpfend.

Dass bei der Doc-15-Gestaltung diesmal die Kreativen aus dem globalen Süden ran durften, bietet dennoch nicht nur konzeptionell eine bewusstseinserweiternde Erfahrung. Dem indonesischen Kuratorenkollektiv Ruangrupa sei Dank. Auch wenn diese Documenta angesichts der sie überschattenden antisemitischen Vorwürfe nicht gerade ein Sommermärchen der Völkerverständigung ist.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jenes Wimmelbild aus der Protestkultur Indonesiens gegen das Suharto-Regime, das unter anderen Schreckensgestalten einen schläfengelockten Juden mit Reißzähnen und SS-Emblem zeigt – ein unverkennbar antisemitisches Motiv – wurde zurecht entfernt.

Die Gaza-Collage auf der Documenta provoziert

Mit Ach und Krach durfte indes die Bildserie „Guernica Gaza“ des palästinensischen Künstlers Mohammed Al Hawajri bleiben. Ihr eine antisemitisch motivierte NS-Analogie zu unterstellen, schien denn doch zu weit hergeholt.

Zumal Picassos weltberühmtes Gemälde „Guernica“, das sich auf das 1937 von deutscher Luftwaffe in Grund und Boden bombardierte, baskische Dorf bezieht, längst als universelles Antikriegssymbol dient.

Natürlich wollten wir die beanstandeten Gaza-Collagen auf keinen Fall verpassen. Die hineinmontierten Ausschnitte aus altmeisterlichen Werken wie Dürer oder Rembrandt (nicht aber Picasso) provozieren tatsächlich – zur näheren Betrachtung eines verdrängten Konflikts.

Documenta-Skandal: Nicht alle rund 1500 Künstler:innen degradieren

Kaum zurück in Berlin poppte der nächste „Documenta-Skandal“ auf: 34 Jahre alte Illustrationen der ersten palästinensischen Intifada mit martialisch dargestellten, israelischen Soldaten, die sich im ausgelegten Archivmaterial der algerischen Frauenbewegung fanden.

Morgenluft für all jene, die schon vor Beginn die Documenta im antisemitischen Dunstkreis verorteten und nun nach Boykott rufen. Was hieße, alle ausgestellten Werke, samt der beteiligten rund 1500 Künstler:innen zum pauschalen Verdachtsfall zu degradieren. Einspruch, mit Verlaub! Zu 99 Prozent haben sie nicht mal mit Israel-Kritik zu tun, geschweige denn judenfeindlichen Bezügen.

Inge Günther ist Autorin.

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