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Secondhand ist schick

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Von: Petra Kohse

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Der Secondhand-Basar des Deutschen Kinderschutzbundes in der Orangerie im Günthersburgpark in Frankfurt.
Der Secondhand-Basar des Deutschen Kinderschutzbundes in der Orangerie im Günthersburgpark in Frankfurt. © Renate Hoyer

Es ist erfreulich, wenn immer mehr junge Leute gebrauchte Kleidung kaufen und tragen. Das fördert die Nachhaltigkeit. Die Kolumne.

Dass der Nachhaltigkeitsgedanke in die Gesellschaft sickert, ist ein Segen. Nicht nur wegen der Umwelt. Wegen der auch, obwohl „Nachhaltigkeit“ in der Wirtschaft ja eher als zusätzlicher Markt interpretiert wird. Die Produktpalette schrumpft nicht, sondern wird im Gegenteil stetig anwachsend ergänzt.

Ein wahrer Segen ist der Nachhaltigkeitsgedanke vor allem mit Blick auf die Teilhabe derjenigen, die sich nichts oder nur selten etwas kaufen können. Mit Blick auf die armen Menschen. Und das sind hierzulande nicht wenige: 18,7 Prozent aller Deutschen waren 2018 von Armut betroffen und weitere 16 Prozent armutsgefährdet. Jeder Dritte also (Zahlen nach statista.de). Und das war noch vor Corona.

Haben Sie schon einmal Ihre EC-Karte verloren und mussten, bis die neue angekommen ist, eine Woche lang mit dem auskommen, was noch im Geldbeutel ist? Oder halt, das ist kein gutes Einfühlungssetting! Denn natürlich ist Ihre Tiefkühltruhe voll und Sie können sich von Freunden oder sogar von Nachbarn etwas leihen und es später zurückzahlen. Wer nie viel Geld hat, leiht sich eher keines.

Armut macht kein Aufhebens von sich. Armut ist still. Sie äußert sich in der Zurückhaltung, mit der Menschen neuen Situationen oder öffentlichen Angeboten begegnen. Auf dem Straßenfest etwa: Darf man nur gucken oder wird es etwas kosten? Lieber schnell weiter oder solche Plätze gleich umgehen.

Auch im Alltag geht Armut mit Erwartungsangst einher. Der Hunger meldet sich jeden Morgen erneut, die Kinder werden Monat für Monat größer, die Haare länger. Allein das Geld wächst nicht nach, wenn man es für Dinge des täglichen Bedarfs einmal ausgegeben hat. Der Wirtschaftskreislauf stoppt bei jenen, die man passenderweise auch die „Endverbraucher“ nennt.

Unter dem Markendruck in der westdeutschen Provinz aufgewachsen, wird mir daher durchaus festlich zumute, wenn ich sehe, dass junge Leute heute nicht nur Secondhand-, sondern durchaus Third- und Fourthhandkleidung tragen. Was bei Humana gefunden wurde, tauscht über Kleiderkreisel gerne noch mehrmals die Besitzerin.

Und auf den Straßen sieht man alle Arten von Leuten unbefangen in den Pappkisten kramen, die außen an Erdgeschossfenstern stehen und feilbieten, was der zum Fenster gehörige Haushalt ausgespien hat. Man muss auch kein Extrakleid für den Abiball mehr haben, geliehen reicht, da gibt es niemanden, der das abfällig kommentieren würde. Im Gegenteil: Was heute zählt, ist Originalität.

Dass Gebrauchtes schick geworden ist, macht den Umstand, dass im viertreichsten Land der Erde jeder dritte prekär lebt, nicht besser. Aber es lindert ein wenig die Sichtbarkeit der Armut, und die tut ja am meisten weh. Wobei die Tatsache, dass es kein Kleiderproblem mehr gibt, die Klassenfrage natürlich nicht beantwortet.

Auch in geliehenen Kleidern können manche Abiturienten nicht zu ihrem Ball gehen, wenn die Karten für die von einer Agentur organisierte Feier 70 Euro kosten, wie es in Großstädten Mode geworden ist. Da schnappt die Armutsfalle wieder zu, da bleiben die Vintage-Schickis, die performen, nicht mehr zu brauchen, unter sich und jene, die sich wirklich nicht mehr leisten können, außen vor.

Der Boykott solcher Agenturen wäre eine angemessene Antwort. Oder Gegenfeiern im Park. Dorthin wandern die cooleren Leute ja ohnehin von jeder Feier irgendwann ab.

Petra Kohse ist Autorin, Theaterwissenschaftlerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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