1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Schöne heile Retro-Welt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Inge Günther

Kommentare

Mit dem Finger die gewünschte Ziffer anpeilen, rein in die Wählscheibe, bis zum Anschlag drehen – und das so oft wiederholen, bis die Nummer komplett ist: Studierenden von heute muss man erklären, wie Telefonieren einst vonstatten ging.
Mit dem Finger die gewünschte Ziffer anpeilen, rein in die Wählscheibe, bis zum Anschlag drehen – und das so oft wiederholen, bis die Nummer komplett ist: Studierenden von heute muss man erklären, wie Telefonieren einst vonstatten ging. © Jan-Philipp Strobel/dpa

Ein Blick zurück zeigt: Nichts bleibt, wie es war. Also wird es auch mit Luca-App und Lockdowns einmal vorbei sein. Die Kolumne.

Ein guter Vorsatz: mal nicht über Corona zu sprechen. Ich bin gleich dafür, als mich eine Freundin in Berlin am Telefon darum bittet. Ihr reicht schon, dass in den Nachrichten alltäglich in Endlosschleife erörtert wird, ob und in welchen Fällen Omikron tatsächlich milder verläuft oder wie lange der dritte beziehungsweise vierte Boostershot unsere Immunität aufzupäppeln vermag. Mir eigentlich auch.

Mein Hier und Jetzt in Jerusalem unterscheidet sich in pandemischer Hinsicht eh nicht sehr von ihrem Berliner Dasein. Beide Städte gehören jeweils landesweit zur Spitzenliga der Infektionsraten. Unser Austausch, wie es uns Zweien dort denn so persönlich gehe, schrammt daher mehrfach nur knapp am C-Wort vorbei.

Bei der Nachfrage nach den näheren Zukunftsplänen – Reisen, Recherchen, einfach wieder mehr Raus- und Rumkommen, so wie früher – blitzt es ebenso auf. Meist unausgesprochen im angehängten Konditionalsatz „wenn die Lage das erlaubt ...“.

Unverfänglicher ist der Blick zurück, als man griechische Buchstaben allenfalls aus dem Algebra-Unterricht kannte. Im Alter jenseits der Sechzig bieten die miterlebten Zeitsprünge da jede Menge Gesprächsstoff, ohne an ein Virus auch nur zu denken.

Ist zwar retro, aber vergnüglich: Dieses Weißt-Du-noch, dass wir in jungen Jahren den Besitz eines Festnetzanschlusses für das Größte hielten und den Anrufbeantworter als später angeschafften Zusatzapparat für eine geniale Erfindung, um ja keine Party-Einladung zu verpassen.

Trau keinem unter Dreißig, dass er/sie bei solchen Unterhaltungen noch mitkommt. Am Küchentisch erzählte mir jüngst mein Significant Other von einem Experiment mit seinen Student:innen aus dem Seminar Architekturgeschichte des Industriellen Zeitalters.

Keine(r) wusste, wie man die Wählscheibe eines Telefons bedient, das er ihnen auf die Tafel gemalt hatte. Nämlich den Finger rein ins Loch der gewünschten Zahl, mit Schmackes bis zum Anschlag drehen und das so oft wiederholen, bis die gewünschte Nummer komplett ist.

Ich selbst bezweifle, ob heutzutage Studierende mit dem schweren Gerät zurechtkämen, das wir nach dem Mauerfall 1989 bei unseren journalistischen Expeditionen in den unentdeckten deutschen Osten mit uns herumschleppten. Mit ein wenig akrobatischem Talent ließ es sich in Telefonzellen an den Hörer schnallen, um darüber Texte in die Redaktion zu senden.

Und noch ein schönes Beispiel aus den Sechziger Jahren, der medialen Frühzeit, beigesteuert von Jerusalemer Bekannten. Der israelischen Regierung, noch fest in der Hand der Arbeitspartei, ging damals die Einführung des Farbfernsehers zu schnell. Decoder mussten deshalb beim Import eingebaut werden, und zwar aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit.

Die mehrheitlichen Schwarz-Weiß-Gucker sollten sich nicht benachteiligt fühlen. Alsbald war Zubehör erhältlich, das den Decoder zur Farbverbannung überlistete. Technologischer Fortschritt lässt sich eben nicht aufhalten.

Nichts bleibt, wie es war. Auch mit Luca-App und Lockdowns wird es einmal vorbei sein. So sehr unser Fortschrittsglaube inzwischen Risse aufweist – mit mutierenden Corona-Viren wird unsere moderne Wissenschaft ja irgendwann wohl noch fertig.

Erstmal halbwegs heil über den bevorstehenden Scheitelpunkt der Omikron-Welle wegkommen. Aber Pardon, vom C- wie vom O-Wort sollte eigentlich auch in dieser Kolumne möglichst keine Rede sein.

Inge Günther ist Autorin.

Auch interessant

Kommentare