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Schnelles Essen „auf die Hand“ ist zur klassenübergreifenden Selbstverständlichkeit geworden.
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Schnelles Essen „auf die Hand“ ist zur klassenübergreifenden Selbstverständlichkeit geworden.

Kolumne

Schnell und überall

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Heerscharen von Menschen fahren durch die Städte und bringen den Leuten alles Essen dieser Welt nach Hause – außer Wurstsuppe. Die Kolumne.

Eigentlich könnte man ja meinen, die Wiege des mitnehmbaren Essens stehe in den USA. Restaurants mit Autoschaltern, sogenannte „Drive Thrus“, gab es dort schon vor der Erfindung des Kraftfahrzeugs. So kommt es einem zumindest vor, sind sie doch ein so selbstverständlicher Teil der allgemeinen Verköstigung, als wären sie schon immer dagewesen.

Und begibt man sich in dieses Land, so begegnet man kaum jemandem, der nicht parallel zum täglichen Tun mit dem Verzehr dessen beschäftigt ist, was man dort als Nahrungsmittel bezeichnet. Essen ist offenbar so wichtig, dass man es ununterbrochen tun muss – oder so unwichtig, dass man es nebenbei verrichten kann. Das möge soziologisch untersucht werden.

Jedenfalls drängt sich der Verdacht auf, dass die US-Amerikaner als erste den Verkauf von Speisen „to go“ etablierten – und der ist falsch. Sie perfektionierten die Idee bestenfalls und sorgten für eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit einer größtmöglichen Menge an Kalorien.

Öffentliche Garküchen jedoch gab es schon in der Antike, in Europa wie auch in Asien. Sie dienten aber immer der Speisung Armer, Mühseliger und Beladener – also derer, die über keinen heimischen Herd verfügten.

Ein Phänomen der Neuzeit hingegen ist das „Take away“ von Zubereitetem unabhängig von sozialem Stand und Bankkonto. Schnelles Essen „auf die Hand“ ist zur klassenübergreifenden Selbstverständlichkeit geworden. In Bangkok wurde ja sogar schon eine Garküche mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet.

Hierzulande war es früher undenkbar, Essen aus dem Lokal daheim zu verzehren. Das tat man nur, wenn der Wirt an der Ecke ein Schlachtfest ausrief. Dann holte man mit der Milchkanne Wurstsuppe; die gab es meistens umsonst.

Heute muss man sich längst nicht mehr selbst bemühen. Heerscharen von Menschen auf Fahrrädern wieseln durch die Städte und bringen den Leuten alles Essen dieser Welt nach Hause – außer Wurstsuppe.

Dieser Trend wurde durch Corona beflügelt, doch es steht zu befürchten, dass er danach nicht abebben wird. Wie bei vielem hat auch hier die Pandemie eine Entwicklung nicht verursacht, sondern lediglich beschleunigt – wie so häufig begleitet von Auswüchsen.

So trat im fernen China gerade ein Gesetz zur Bekämpfung des Wegwerfens von Lebensmitteln und der Unmäßigkeit in Kraft. Wer sich dort zu viel Essen bringen lässt, muss eine Strafe von umgerechnet 1275 Euro berappen. Wer das wie kontrollieren soll, wurde allerdings nicht überliefert.

Droht solches auch bei uns? Wer weiß. Die Kultur der Nahrungsaufnahme befindet sich in einem steten Wandel. Sucht man nach Indikatoren für Veränderungen, sehe man sich alte Filme an. Sie sind und waren Spiegelbilder der Gesellschaft.

So durfte man vor einigen Monaten zu nächtlicher Stunde in einem „Tatort“ aus den frühen Siebzigern die folgende Szene genießen: Alter Kommissar und junger Kommissar fahren im Auto. Junger Kommissar: „Ich habe Hunger. Sie auch?“ – Alter Kommissar: „Ja.“ – Junger Kommissar: „Wollen wir schnell irgendwo was essen gehen?“ – Alter Kommissar: „Nein.“ – Junger Kommissar: „Warum nicht?“ – Alter Kommissar: „Weder schnell noch irgendwo noch irgendwas.“ – Junger Kommissar: „Dann haben Sie lieber Hunger?“ – Alter Kommissar: „Ja.“

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