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Wintersport im Klimawandel: Kaum mehr zu rechtfertigen

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Von: Manfred Niekisch

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Wintersport wird vielerorts zum Problemfall, weil die weiße Pracht fehlt. Schneekanonen sind keine nachhaltige Lösung. Die Kolumne.

Frankfurt – Bisher ist er das Sinnbild der Vergänglichkeit. Jedenfalls steht Schnee von gestern für das, was uninteressant geworden ist, was keine Relevanz mehr hat. Doch die Zeiten ändern sich, und der gestrige Schnee ist auf dem besten Weg, zur wertvollen Ressource zu werden, so wie einst dem Müll der Bedeutungswandel vom Abfall zum Wertstoff zuteilwurde.

Besorgt um ihre touristische Zukunft horten Wintersportorte den Schnee von gestern und heute, um ihn für die nächste Saison zur Verfügung zu haben. Mühsam aufgehäuft und aufwändig abgeschirmt gegen sommerliche Hitze harrt er des nächsten Winters.

Freilich reichen die Mengen dann allenfalls für ein paar hundert Meter weißes Band auf grüner Wiese. Das Bild einer verschneiten Bergwelt, in der sich zügig Langlaufen oder den Hang hinunterwedeln lässt, kann dabei nicht entstehen.

Nicht mehr genug Schnee: Existenzkrise für den Wintertourismus

Immerhin versuchen so einige Gemeinden ihren dahinschmelzenden Ruf als Skigebiet über die Runden zu retten. Den Vergleich mit den wenigen verbliebenen wirklich schneesicheren Gebieten müssen sie dennoch sehr wohl scheuen.

Vielerorts bleibt nur noch der Griff zum Kunstschnee. Mit einem enormen Aufwand an Energie und Wasser werden damit die Pisten präpariert. Früher hätte man gesagt, damit der Rubel rollt. Zwar bedarf der schöne Stabreim mit der klingenden russischen Währung der Aktualisierung hin zu Euro und Dollar, aber es geht eben um die finanziellen Einkünfte der Skilifte, Gasthäuser, Berghütten und Nobelhotels. Corona und zu wenig Schnee, da ist die Existenz all derer gefährdet, die bisher von den Wintertouristen leben.

Eine Schneekanone ist neben dem Hexenritt-Sessellift am Wurmberg im Harz im Einsatz. Wintersportorte im Harz bereiten sich auf einen Neustart des Liftbetriebes vor.
Eine Schneekanone ist neben dem Hexenritt-Sessellift am Wurmberg im Harz im Einsatz. Wintersportorte im Harz bereiten sich auf einen Neustart des Liftbetriebes vor. © Swen Pförtner/dpa

Klimawandel macht Kunstschnee erforderlich: Aus Umweltsicht problematisch

Andererseits ist der Aufwand heutzutage kaum mehr zu rechtfertigen, der betrieben werden muss, um Kunstschnee zu produzieren und auf die Fläche zu bringen. Aus Wasser und Luftströmen erzeugt, enthält er zwar nichts Künstliches, weshalb er fachsprachlich als technischer Schnee bezeichnet wird, aber neben dem ungeheuren Energieverbrauch macht ihn die Menge eingesetzten Wassers aus Umweltsicht problematisch.

Das Wasser muss irgendwo herkommen, seine Entnahme greift massiv in den Wasserhaushalt der Region ein und damit nicht genug, auch die beim Abtauen entstehenden Schmelzwassermengen werden zum Problem. Neuere Studien belegen, dass der Gehalt an Mineralien die Bodenchemie verändert, während sie dem echten Schnee fehlen.

Auch wird der Boden geschädigt, weil der künstliche Schnee kompakter ist, weniger luftdurchlässig ist und nicht so wärmedämmend wirkt. Mit den Schneekanonen wird also auf einen im wahrsten Sinne des Wortes grundlegenden Bestandteil der Umwelt geschossen.

Klimawandel: Steigende Temperaturen erschweren Produktion von Kunstschnee

Malträtierte Skipisten bieten ohnehin auch im Sommer ein trauriges Bild. Weitsichtige Gemeinden sind längst dabei, zu überlegen, wie man die bisherigen touristischen Nutzungen der vergangenen weißen Pracht verändern kann hin zu umweltfreundlichen Aktivitäten an der frischen Luft in winterlichem Grün.

Zumal die Produktion von künstlichem Schnee bei steigenden Temperaturen, wie sie der Klimawandel mit sich bringt, immer schwieriger wird. Schon wieder der Klimawandel als Sündenbock? In der Tat, er verändert vieles. Irgendwann ist dann in unseren Breiten der Wintersport selbst Schnee von gestern.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor. Zuletzt schrieb er in seiner Kolumne über die erneute Zulassung von Glyphosat in der EU.

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