Kolumne

Schmutziges Wasser: Da schwimmt etwas mit

  • vonManfred Niekisch
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Intakte Gewässer bilden in Deutschland die Ausnahme. Das muss sich ändern. Die selbstgesetzten Ziele sind allerdings schon so gut wie verfehlt.

In „Aktenzeichen XY“ würde er als Cold Case vorgestellt, als einer dieser ungeklärten Todesfälle irgendwo zwischen Mord, Unfall und Suizid. Seine Aufklärung ist nie gelungen, obwohl sich Historiker, Royalisten, Heimatkundler und Verschwörungstheoretiker seit 134 Jahren intensiv darum bemühten.

Schließlich war das damalige Opfer Ludwig II., der bayerische Märchenkönig. Allerdings war der gerade entmündigt worden, als er am 13. Juni 1886 tot im Wasser des Würmsees aufgefunden wurde. Der See wurde später umbenannt in Starnberger See und ist heute mit der S-Bahn in einer knappen Stunde vom Münchner Hauptbahnhof zu erreichen.

Nicht nur die Bayern lieben den See als Erholungsgebiet. Auch hebt er die Statistik, denn er ist ökologisch gut in Schuss. Das lässt sich in Deutschland derzeit nur von etwa acht Prozent aller Oberflächengewässer behaupten.

Nach der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie sollten zwar alle Fließ- und Standgewässer Europas bis 2015, spätestens bis 2027, einen guten ökologischen Zustand aufweisen. Es kann aber schon jetzt ausgeschlossen werden, dass das zu schaffen ist. Wieder so ein Umweltziel, das unsere Republik locker verfehlen wird.

Ein richtiger Aufreger ist diese Feststellung allenfalls für einige Fachleute. Dabei geht es um mehr als nur schöne Ferien am Wasser. Zwar ist ein guter ökologischer Zustand nicht das Gleiche wie sauberes Trinkwasser, aber beide sind eng miteinander verknüpft. Wir müssen dem Zustand unserer Seen und Flüsse mehr Aufmerksamkeit widmen. Es bilden sich neue Allianzen zwischen Naturschützern und Trinkwasserversorgern.

Neben Begradigungen und anderen baulichen Umgestaltungen sind die Einträge von Düngemitteln aus der Landwirtschaft in die Gewässer das herausragende Problem. Die Nitratbelastung ist längst auch im Grundwasser angekommen.

Mit tieferen Brunnen oder deren Verlegung sowie durch Mischung von belastetem und unbelastetem Wasser können die Wasserbetriebe bisher noch dafür sorgen, dass aus den Wasserhähnen keine gesundheitsgefährdenden Werte sprudeln. Klar ist aber, dass es sehr teuer würde, sobald komplizierte Verfahren nötig wären, um die Abkömmlinge der Gülle aus dem Trinkwasser zu entfernen. Eine Studie des Umweltbundesamtes hat nachgewiesen, dass es viel billiger ist, Vorsorge zu treffen, damit es gar nicht so weit kommt.

Es läuft wieder einmal darauf hinaus, dass wir insbesondere eine tiefgreifende Umstellung der Landwirtschaft brauchen, düngefreie Sicherheitszonen entlang der Ufer, weniger Gülle auf den Äckern. Das Ende der Massentierhaltung, die Schließung von Großschlachtereien und die Reduktion des individuellen Fleischverzehrs wären dazu wirksame Schritte. Die Offenbarung der Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie durch die Ausbreitung der Corona-Seuche zeigt aus anderer Perspektive in die gleiche Richtung: So darf es nicht weitergehen.

Die 92 Prozent unserer Gewässer, die in unbefriedigendem ökologischem Zustand sind, lassen ahnen, dass Naturschützer und Wasserbehörden noch gewaltige Aufgaben vor sich haben, bis eine nennenswerte Zahl der Seen und Flüsse wiederhergestellt ist. Der Starnberger See behielte seine historische Sonderstellung in jedem Fall.

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