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Scham, Schuld, Politik

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Von: Harry Nutt

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht am 17. März vor dem Bundestag.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht am 17. März vor dem Bundestag. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Sehnsüchtig suchen wir nach angemessenen Reaktionen auf die Verheerungen eines Krieges – der längst unser Empfinden terrorisiert. Die Kolumne.

Peinlich, würdelos, beschämend – die Twitter- und Facebook-Communitys waren sich schnell einig. Im Anschluss an die Rede des ukrainischen Präsidenten Selenskyj hatte der Bundestag allein dadurch versagt, einfach an der Tagesordnung festgehalten zu haben. Es mangelte an situativer Intelligenz, einer adäquaten Reaktion auf die emotionale Wucht, in der Wolodymyr Selenskyj den Abgeordneten gedankt, ihnen aber auch ins Gewissen geredet hatte. In kämpferischer Diktion hatte er den Bundeskanzler adressiert: „Herr Scholz, geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die es verdient.“ Und das Echo stand dröhnend im Raum.

Natürlich kann man es unangemessen finden, dass im Anschluss an Selenskyjs Rede einigen Abgeordneten zum Geburtstag gratuliert wurde. Politik besteht – nicht nur, aber auch – aus der Fähigkeit, im entscheidenden Moment das Richtige zu tun und die passenden Worte dafür zu finden. Im Ausnahmezustand aber steigt die Zahl der entscheidenden Momente inflationär an, und ich mag mich ein paar Tage danach nicht damit abfinden, es bei einer Art Heute-Show-Giggeln zu belassen. In der größten sicherheitspolitischen Krise seit 1945 bedarf es des langen Atems einer Staatsklugheit, die manchmal, aber kaum verlässlich mit performativer Eleganz zur Deckung gelangt. Pathos, Entsetzen, distanziertes Kopfschütteln – von allem ist derzeit zu viel in Umlauf.

Im Vergleich zur atmosphärischen Dürre im Bundestag war es leicht, sich an Arnold Schwarzenegger zu erfreuen. Per Videobotschaft hatte dieser zunächst seine ehrliche Verbundenheit mit dem russischen Volk zum Ausdruck gebracht, insbesondere zu seinem Idol und Freund, dem Gewichtheber Juri Wlassow, aus dessen Geschenk, einer Kaffeetasse, er noch immer trinkt. Dann aber wechselt Schwarzenegger in den Modus eines Appells an die belogene russische Nation, der die Wahrheit über den Krieg vorenthalten wird.

Als ehemaliger Gouverneur von Kalifornien verfügt Schwarzenegger über genügend politische Erfahrung, hier aber spricht er als Elder Statesman, der authentisch seine Stimme erhebt – Worte einer auch in Russland populären Ikone körperlicher Kraft und menschlicher Stärke. Schwarzeneggers Video ist ein symbolpolitisches Juwel und als solches eine politische Intervention. Aber folgt daraus schon kluge Politik?

Wie es scheint, suchen wir derzeit geradezu sehnsüchtig nach gelungenen Äußerungen und angemessenem Verhalten auf die Verheerungen eines Krieges, der längst auch unser Empfinden terrorisiert. In diesem Feuer der Emotionen hält uns Präsident Selenskyj und nicht zuletzt der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, den Spiegel vor. In immer neuen Anläufen konfrontieren sie die Deutschen mit Vorwürfen politischer und historischer Schuld. Das ist schon deshalb bewegend, weil sie das weitgehende Desinteresse an der ukrainischen Kultur und deren Lebensverhältnissen schmerzhaft bewusst werden lassen.

Aus Scham aber erwächst noch keine belastbare Politik, und das Eingeständnis von Schuld, das nun geradezu obsessiv von Politikern, Künstlern und Wirtschaftsvertretern eingefordert wird, hilft allenfalls dann, wenn es über die bloße Geste der Buße hinaus tragfähiges politisches Handeln ermöglicht. Schon jetzt ist klar: Wie wir leben wollen und werden, entscheidet sich nicht an Stilfragen.

Harry Nutt ist Autor.

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