Keine saure Gurke.
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Keine saure Gurke.

Kolumne

Saure Gurken und Krokodile

  • vonManfred Niekisch
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Trotz üppiger Nachrichtenlage schaffen es merkwürdige Tiere in den Blätterwald. Der Dorsch agiert sogar richtig politisch.

Es sind nicht die sauren Gurken, die in der nach ihnen benannten Jahreszeit Schlagzeilen machen. Nun gab es diesen Sommer wegen ständig neuer und immer wieder wechselnder Risikogebiete und Infektionszahlen diese nachrichtenarme Zeit nicht. Trotz Sitzungspause des Parlaments war kräftig Bewegung im politischen Berlin.

Mit schöner Regelmäßigkeit wurden jedoch wie alle Jahre wieder zur Badesaison Krokodile beobachtet, und das in heimischen Gewässern. Obwohl es so wenige Tiere waren und manche Sichtungen zweifelhaft sind, brachten sie tierisches Leben in den Blätterwald.

Das krokodilinfizierte Sachsen-Anhalt reagierte mit Badeverbot und Schleusensperrungen an der Unstrut, die hessische Wetterau etwas gelassener, da es gleich Zweifel gab, ob die dortige Panzerechse überhaupt echt sei und nicht statt edlem Leder eine Plastikhaut trug.

Solche Attrappen haben schon des Öfteren für Aufregung gesorgt. Allerdings entweichen gelegentlich auch echte Krokodile ihren Besitzern in Badeseen. Wem ein solches Tier von der Leine entkommt, dem sollten Ordnungsämter die Frage stellen, ob er sich für geeignet hält, ein solches exotisches Tier zu halten.

Dank milder Winter und dort, wo Kühlwasser aus Kraftwerken die Gewässer erwärmt, haben diese Reptilien sogar eine gewisse Chance zu überleben. Der bekannteste dieser Freigänger namens Saturn starb im Mai dieses Jahres 84-jährig im Zoo Moskau. Dorthin war der Alligator 1946 gelangt, nachdem er 1943 bei einem Bombenangriff aus dem Berliner Aquarium ausgebrochen war. Was er in der drei Jahre währenden Zwischenzeit erlebte, weiß nur er.

Viel aufregender als die neuesten Krokodil-Meldungen war für den Naturschutz die Entdeckung eines ausgestorben geglaubten Insekts im schönen Frankenlande. Dieser Schmetterling zeigt nicht nur, dass, so selten es auch sein mag, Arten unentdeckt überleben können, sondern auch, dass die Wissenschaft ihnen mitunter herrlich umständliche Namen zu verpassen bereit ist. Ob die Helle Pfeifengras-Grasbüscheleule, hätte man sie gefragt, gegen ihren Namen protestiert hätte, bleibt ihr Geheimnis.

Regelrecht politisch agieren dagegen derzeit Fische, deren gefangene Artgenossen zuhauf in deutschen Tiefkühltruhen zu finden sind. Der Dorsch ist nicht nur ein Speisefisch, sondern bildet auch ein wirksames Hindernis gegen die russische Gas-Pipeline North Stream 2.

Zunächst mit aufschiebender Wirkung. Denn mit Hinweis auf die Laichzeit der Tiere hat die dänische Regierung den Weiterbau der Pipeline durch ihre Gewässer bis Ende September verboten. Spätestens bis dann muss die deutsche Politik sich entscheiden, ob sie auch aus anderen Gründen das Projekt auf Eis legt (was im Wortsinne eine Parallele zum Schicksal vieler Dorsche wäre).

So könnte die Vergiftung des russischen Regimekritikers Alexey Nawalny ganz nebenbei dazu führen, dass Donald Trump seine kategorische Forderung, das Gasprojekt aufzugeben, als erfüllt interpretiert.

Fast wünscht man sich, dass die ereignisarme Zeit der sauren Gurken einmal zurückkehrt und die größten Aufreger dann Meldungen über Krokodile im Baggersee sind.

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