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Seit 23 Wochen demonstrieren Israelis gegen Regierungschef Natanjahu.
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Seit 23 Wochen demonstrieren Israelis gegen Regierungschef Natanjahu.

Kolumne

Saturday Night Fever in Tel Aviv

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Seit 23 Wochen demonstrieren Israelis gegen Regierungschef Natanjahu. Was steckt hinter dem einenden Demo-Motiv, „Bibi“ loszuwerden? Die Kolumne.

Eine schicke Apartmentanlage im Norden Tel Avivs, ein Pförtner weist den Weg zum Aufzug. Im zehnten Stock wohnt Lizzie Doron mit ihrem Mann Dani. Aus dem Küchenfenster kann man in der Ferne das Meer sehen. Es ist bleiern grau an diesem Samstagnachmittag.

Heftige Regengüsse sind den Tag über auf die israelische Küste niedergeprasselt. Nicht gerade ideales Demo-Wetter. Besorgt späht Lizzie Doron hinaus, bevor sie sich wieder ihrem Handy zuwendet, um über die letzten Vorkehrungen für die landesweiten Anti-Netanjahu-Proteste nach Sabbatende auf dem Laufenden zu bleiben.

„Komm mit“, hatte sie mich am Telefon eingeladen. „Die Kundgebungen an der Jerusalemer Premierresidenz sind eine Sache, aber wir sind überall.“ Eigentlich ist Lizzie Doron Schriftstellerin, ihre Bücher wie „Das Schweigen meiner Mutter“ haben sie, Tochter einer Holocaust-Überlebenden, auch in Deutschland bekannt gemacht. Im eigenen Land nehmen ihr indessen viele übel, dass sie sich seit einigen Jahren ebenso mit der israelischen Besatzung und palästinensischer Entrechtung, etwa in „Sweet Occupation“, befasst.

Ihr Thema – Lizzie Doron nennt es „meine persönliche Geschichte“ – treibt sie heute wieder mal weg vom Schreibtisch, hinaus auf die Straße. An Hunderten Autobahnbrücken und Verkehrsknoten schwenken dort samstags nach Einbruch der Dunkelheit meist liberal-säkulare Israelis jeden Alters und Geschlechts schwarze Fahnen als Warnsignal vor dem drohenden Untergang der Demokratie. Manche ziehen auch Pink vor, als Zeichen, dass noch Hoffnung ist, solange man sich der Gefahr widersetzt. Selten fehlt die blau-weiße Nationalflagge – Ausdruck, dass hier die wahren Patriotinnen und Patrioten stehen und nicht, wie bisweilen von nationalrechter Seite behauptet, „Verräter“.

Das Manuskript, für dessen Schluss Lizzie Doron vorhin ein paar Ideen eingefallen sind, muss warten. Noch schnell die Fahnenstangen und die rollende Musikanlage aus einer Garage geholt, dann geht’s zur nächsten großen Kreuzung. Die aus dem Lautsprecher dröhnenden Anti-Netanjahu-Songs heben die Stimmung, ebenso die im Vorbeirauschen zustimmend hupenden Autofahrer.

Das größte Vergnügen ist es allerdings nun auch nicht, in feuchtkühler Luft inmitten von Auspuffgasen die Fähnlein der Aufrechten zu schwingen. Woher kommt diese seit nunmehr 23 Wochen anhaltende Protestenergie? Was steckt hinter dem einenden Motiv, „Bibi“ loszuwerden, den wegen Korruption angeklagten, machtbesessenen Regierungschef, zumal eine bessere oppositionelle Alternative nicht in Sicht ist?

Für Lizzie Doron jedenfalls ist Netanjahu nur ein Symbol, an dem sich das Grundgefühl festmache, „unser Land zu verlieren“. Israel ist zwar schon mit Blick auf den Nahostkonflikt ein Spezialfall. Aber die Parallelen zu anderen Demokratieverfechtern weltweit sind unverkennbar.

Ob in USA oder Europa, Belarus oder Hongkong, sie wollen rechtsstaatliche Prinzipien gegen jene verteidigen, die sich Vorrechte anmaßen. Weil sie, wie Lizzie Doron, eine Gesellschaft wollen, in der weder Minderheiten noch Oppositionelle ausgegrenzt werden und Hautfarbe, Religion oder ethnische Zugehörigkeit keine Rolle spielen.

Das „Saturday Night Fever“, das zigtausende Israelis allwöchentlich erfasst, um sich mit Gesichtsmaske und Protestslogans an eine Straßenecke zu stellen, ist bloß ein Ausdruck davon. Aber es beschwingt.

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