1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

„Wagenknechts Wochenschau“: unfreiwillig komisch, aber brandgefährlich

Erstellt:

Von: Moritz Serif

Kommentare

Sahra Wagenknecht mimt die vermeintlich seriöse Nachrichtenjournalistin.
Sahra Wagenknecht mimt die vermeintlich seriöse Nachrichtenjournalistin. © Screenshot

Sahra Wagenknecht nutzt YouTube für ihre Agenda. In „Wagenknechts Wochenschau“ verhöhnt sie unter anderem den deutschen Staat. Eine Netz-Kritik.

Berlin – Sahra Wagenknecht sitzt an einem Schreibtisch, immer wieder erhebt sie die Stimme, gestikuliert mit ihren Händen. Ihre dunklen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Von Zeit zu Zeit werden Screenshots von News-Artikeln eingeblendet. Der Hintergrund ist in ein Himmelblau getaucht. Ihre Sendung erinnert an „Achtung, Reichelt!“, ein populistisches YouTube-Format, an den Start gebracht von Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt.

„Wagenknechts Wochenschau“, so der Name ihrer Sendung, erreicht schon seit längerer Zeit enorme Reichweiten. Einige Videos haben die Millionenmarke geknackt. Wagenknecht mimt darin eine seriöse, vermeintlich neutrale Journalistin. Dabei ist sie Linken-Politikerin, stand einmal in der ersten Reihe. Mittlerweile ist Wagenknecht umstritten – nicht zuletzt wegen ihrer Russland-Nähe und Forderungen nach Verhandlungen mit Kreml-Präsident Wladimir Putin. Das merkt man in ihrer Sendung. Sie verfolgt eine Agenda. In ihrer populistischen Show vermischen sich Realität und Fiktion.

„Wagenknechts Wochenschau“ ist stellenweise unfreiwillig komisch

„Wagenknechts Wochenschau“ ist kein seriöses Erklärformat für Politik. Beispiel gefällig? „Das Leben könnte so schön sein, wenn wir nicht eine derart dumme Regierung hätten“, spottet sie in der Folge „Vom Industrieland zur Industrieruine“. Es mag etwas von Ironie haben, aber ihre Show ist selbst unprofessionell - stellenweise sogar unfreiwillig komisch. Etwa an dieser Stelle: Während Wagenknecht einen neuen Angriff auf die vermeintlich „unfähige Regierung“ startet, ist im Hintergrund deutlich zu hören, wie eine Tür zuknallt.

Unfreiwillig komisch wirkt es auch, wenn Wagenknecht ihre Stimme verstellt, um die vermeintliche Position und Arroganz der Bundesregierung nachzuäffen. Ihr Lieblings-Prügelknabe ist ohnehin der – O-Ton Wagenknecht – „inkompetente“ Vizekanzler Robert Habeck. Habeck sei angeblich nicht in der Lage, langfristig zu denken und mache alles falsch, kritisiert die Politikerin. Wagenknecht lässt hierbei gezielt Fakten weg, beispielsweise, dass Habeck einen wichtigen Beitrag geleistet hat, Deutschland innerhalb kürzester Zeit von russischer Energie unabhängiger zu machen. Ein Stilmittel, das Populisten häufig nutzen.

Da kommt auch bei Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz Freude auf: Der Bundestag erhöht die Bezüge der Abgeordneten. (Archivbild)
Grünen-Minister Robert Habeck (in der Mitte) und die Ampelregierung müssen einiges von Wagenknecht einstecken. (Archivfoto) © Kay Nietfeld/dpa

Populistin Sahra Wagenknecht präsentiert keine Lösungen

Wie zu erwarten, präsentiert Wagenknecht daher keine Lösungen für die zahlreichen Krisen und Probleme, die sie anprangert. Stattdessen lebt die Show von Horror-Szenarien, wie denen einer kaputten Wirtschaft und einer drohenden Massenarbeitslosigkeit. Wo Wagenknecht allerdings einen Punkt hat: In der „Industrieruine“-Folge sagt sie zu Recht, dass die Energiepreise in Deutschland viel höher als in den USA sind. Daher ist es für Unternehmen wirtschaftlich attraktiver, sich in den Staaten niederzulassen. Dennoch übertreibt Wagenknecht maßlos. Dass Deutschland wegen der Preise zur „Industrieruine“ für Unternehmen verkommen wird, ist bei weitem nicht absehbar.

Höchst problematisch ist, dass Wagenknecht in ihrer Sendung immer wieder Unwahrheiten verbreitet. So behauptet sie: „Sanktionen haben keines der erklärten Ziele erreicht“. Dabei lässt Wagenknecht völlig außer Acht, dass die russische Wirtschaft, allen voran die Autoindustrie, massiv leidet. So ist das russische Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2022 um 3 bis 3,5 Prozent gesunken. Wagenknechts Aussage stimmt also nicht.

Grotesk wird es, wenn sich Wagenknecht über Kritik beschwert

Grotesk wird es, wenn sich die Populistin in der neuesten Folge über „niveaulose Kritik“ an ihrer Person echauffiert, aber selbst den deutschen Staat in verächtlicher Art und Weise verhöhnt. Oder wenn sie sich über „antirussische Hetze“ beklagt, obwohl Russlands Präsident Wladimir Putin die Ukraine angegriffen hat. Außerdem hätten die USA und Großbritannien Friedensgespräche und Waffenstillstand blockiert.

Wagenknecht beruft sich dabei auf ein Interview des ehemaligen israelischen Premierministers Naftali Bennett, der angeblich kurz davor gewesen war, einen Waffenstillstand zu vereinbaren zwischen Russland und der Ukraine. Problem an der Sache: Bennett selbst sagt, dass es komplett unsicher gewesen sei, ob es überhaupt einen Deal gegeben hätte. Wagenknechts Behauptung ist also nicht haltbar, die USA und Großbritannien haben keine Friedensgespräche und Waffenstillstände blockiert.

„Wagenknechts Wochenschau“: Populistische Desinformation gepaart mit enormer Reichweite

Trotz allem ist Wagenknecht eine begnadete Rednerin, rhetorisch äußerst versiert und weiß ganz genau, welche Klaviatur sie spielen muss, um ihre Zuschauerinnen und Zuschauer anzustacheln. Im Gegensatz zu anderen Politikerinnen und Politikern weiß sie, wie Social Media funktioniert. Das ist das Gefährlichste an „Wagenknechts Wochenschau“, denn sie betreibt populistische Desinformation gepaart mit einer enormen Reichweite, von der CDU, SPD, Grüne und Linke bei YouTube nur träumen können.

Auch interessant

Kommentare