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Russlands Öl und Kohle: Die Waffen der Oligarchen

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Von: Paul Mason

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Von seinem Einsatz profitieren vor allem die Eliten: Russischer Bergarbeiter in Sibirien.
Von seinem Einsatz profitieren vor allem die Eliten: Russischer Bergarbeiter in Sibirien. © imago/ITAR-TASS

Putins Energiekrieg ist auch der Überlebenskampf des fossilen Kapitalismus. Die Kolumne.

Wenn Wladimir Putin langsam die deutsche Energieversorgung abwürgt und damit droht, halb Europa in diesem Winter in die Dunkelheit zu stürzen, ist dies nicht nur ein geopolitisches Ereignis. Putins Energiekrieg gegen Europa muss ebenso wie sein militärischer Angriff auf die Ukraine als ein Moment des Todes des fossilen Kapitalismus verstanden werden.

Zu Zeiten von Adam Smith diente Kohle dazu, die Häuser der Arbeiterschaft zu heizen, nicht dazu, Maschinen anzutreiben. Aber ohne die Ausbeutung der Kohle für die Dampfkraft hätte sich der industrielle Kapitalismus niemals durchsetzen können. Er war rund 200 Jahre lang ein System, das auf scheinbar kostenloser Energie basierte, die unter der Erdoberfläche geplündert wurde.

D och die durch fossile Brennstoffe bereitgestellte Energie war mitnichten kostenlos. Sie war mit Kosten verbunden, die sich im Laufe der Zeit angehäuft haben und nun, noch zur Lebenszeit der heute geborenen Kinder, den chaotischen Zusammenbruch der Bedingungen für das menschliche Leben bedeuten können.

Der oligarchische russische Staat ist vollständig auf die Ausbeutung von Öl und Gas ausgerichtet. Es ist ein Renten-Kapitalismus – ein Kapitalismus der Monopolisierung des Zugangs zu jeder Art von Eigentum und der Erzielung erheblicher Gewinnbeträge daraus: Reichtum, der sich auf den Besitz von Bohrlöchern und Pipelines stützt, nicht auf den Einfallsreichtum von Wissenschaftlern und Unternehmern.

Als die Welt beschloss, bis 2050 netto kohlenstofffrei zu werden, signalisierte sie damit auch, dass dieser oligarchische Kapitalismus, der ein Sechstel der Erdoberfläche beherrscht, keine Zukunft hat. Putins Antwort war der Wechsel vom Autoritarismus zum reinen Totalitarismus. Von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist in Russland nichts mehr übrig

„ Was ist der Sinn der Welt, wenn Russland nicht dabei ist?“ fragte Putin im Jahr 2018. Der Satz ist zu einem Slogan des russischen Nationalismus geworden und hat, wenn man ihn dekonstruiert, eine verblüffende Bedeutung: Wenn Russland nicht als Diktatur der fossilen Energieträger existieren kann, dann sollte die Welt selbst nicht existieren. Wir würden lieber eine Atombombe auf den Atlantik werfen und einen 500 Meter hohen Tsunami schicken, der die Menschen auf den britischen Inseln ersäuft, als mit der Ukraine Frieden zu schließen oder uns von Gasausbeutung zu verabschieden.

Die russische Elite hat sich für den totalitären Nationalismus entschieden, weil ihr Wirtschaftsmodell dem Untergang geweiht ist. Sie sind Nihilisten geworden, weil es einfacher ist, sich das Ende der Welt vorzustellen als den Sturz einer Oligarchie der fossilen Brennstoffe. Dennoch müssen wir in den demokratischen Ländern aufhören, dieses Ereignis als Anomalie zu betrachten. Denn Nihilismus ist ansteckend.

I ch glaube nicht, dass wir den Kapitalismus abschaffen müssen, um einen Netto-Kohlenstoffausstoß von Null zu erreichen. Es ist theoretisch durchaus möglich, sich eine Post-Kohlenstoff-Wirtschaft vorzustellen, in der der Markt der wichtigste Regulator des Wirtschaftslebens ist, in der Löhne, Mieten und Gewinne durch ein Finanzsystem fließen und in der eine Millionärsklasse den Rest von uns immer noch ausbeutet.

Die Frage ist, ob die bestehende politische und wirtschaftliche Elite – von Washington über London bis Berlin – Geschäftsmodelle und Eigentumsverhältnisse aufgeben kann, die dem Kapitalismus durch 200 Jahre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen buchstäblich eingebrannt worden sind. Und können wir, die von fossilen Brennstoffen abhängige Bevölkerung der entwickelten Welt, unser Verhalten ändern? Alle bisherigen Anzeichen sprechen dagegen.

Wenn wir die russischen Oligarchen für ihre durchweg negative Reaktion auf den Klimawandel verurteilen, müssen wir uns daran erinnern, dass auch wir – trotz all unserer Erklärungen von Kyoto bis Glasgow – in der Praxis versagt haben. Angesichts einer drohenden Energiekrise öffnen wir instinktiv als erstes wieder die Kohlebergwerke.

E s ist leicht, Putins Nostalgie für den Zarismus und die Sowjetunion ins Lächerliche zu ziehen, aber auch unsere westlichen Kulturen sind von Sehnsüchten nach der Vergangenheit durchdrungen: Trump, Johnson, Le Pen, Salvini – und die Massen, die ihnen folgen – sie alle sind in gewisser Weise Nachahmungstäter.

U nter all den anderen Unsicherheiten, die die Nostalgie des 21. Jahrhunderts füttern, liegt eine Sehnsucht nach der Sicherheit, die der fossile Kapitalismus garantierte: die Erde als grenzenlose und bedingungslose Quelle von Energie und Produktivität. Doch diese Sicherheit gibt es nicht mehr. Im harten Winter, der vor uns liegt, müssen wir uns unbedingt auf die postkarbone Zukunft konzentrieren, die sich radikal von jeder Form des Kapitalismus, die wir bisher kannten, unterscheiden wird.

P utins Energieerpressung und sein Angriff auf die Ukraine sind Signale dafür, dass der Verzicht auf den Kohlenstoff traumatisch sein wird – aber von diesem Ziel darf uns nichts ablenken.

Paul Mason ist Autor in London.

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