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Rücksichtsloses Geböllere

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Von: Manfred Niekisch

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Jonas Walzberg/dpa
Neujahrsmorgen 2021 in einer Hamburger Siedlung. © Jonas Walzberg/dpa

Es ist ein Gebot der Vernunft, Schluss zu machen mit der privaten Silvesterknallerei. Sie richtet viel Schaden an und kann deswegen nicht wirklich Spaß machen.

Es darf wieder geböllert werden! Nach zwei Jahren coronabedingter Abstinenz dürfen private Krachmacher, Zündler und Hobbyfeuerwerker sich in der Silvesternacht wieder austoben. Gendermäßig korrekte Formulierungen mit dem gleichberechtigten „-innen“ hintendran würden das Bild nicht ganz richtig zeichnen. Glaubt man den Erfahrungen der Rettungskräfte, sind es vor allem Männer, die sich hier austoben und sich und andere verletzen.

Ein paar Vorschriften schränken die Böllerei zwar ein, wofür das Wort Böllerverbotszone im Vokabular der Ordnungsämter eine feste Größe geworden ist, aber zu einem generellen Verbot privater Pyrotechnikorgien konnte sich das Innenministerium dann doch nicht durchringen. Eigentlich schade, denn vernunftbegabte Menschen kommen nicht daran vorbei, dass fast alles dafür spricht, das neue Jahr genauso fröhlich, aber weniger unfallträchtig und deutlich klimafreundlicher zu begrüßen.

Schließlich gibt es eine breite Allianz, die mit guten Argumenten ein Böllerverbot fordert. Unisono stoßen Polizei, Feuerwehr, Verbände von Ärztinnen und Ärzten, Krankenhausverwaltungen, Organisationen des Tierschutzes, des Natur- und Umweltschutzes, ruheliebende Nachbarschaften und viele andere mit teils sehr unterschiedlichen Begründungen ins gleiche Horn.

Feuerwehren im Dauereinsatz, üble Brandwunden, an der Belastungsgrenze arbeitendes Klinikpersonal, panische Haustiere, orientierungslos durch die Nacht flatternde Vogelschwärme, aufgeschreckte Wildtiere, gesundheitsgefährdende und klimaschädliche Emissionen mit hohen Feinstaubbelastungen, ein solches massives Bündel von Fakten, die gegen die Silvesterknallerei sprechen, kann nicht einmal aufgefahren werden, wenn es um eine tragfähige Begründung für das ebenfalls überfällige Tempolimit geht.

Fasst man all die negativen Effekte zusammen, muss man zu dem Schluss kommen, die traditionelle Knallerei sei eher geeignet, das neue Jahr zu verscheuchen, als es freudig zu begrüßen. Einmal ganz abgesehen davon, dass derzeit nicht weit von uns entfernt Menschen in Kellern und anderen improvisierten Schutzräumen Zuflucht suchen müssen, für die jeder Knall bedeutet, dass wieder eine Rakete eingeschlagen hat, Artilleriebeschuss das Leben gefährdet. Ist da der Gedanke abwegig, dass man schon aus Solidarität mit denen, die derzeit durch kriegerisches Gedonnere bedroht sind und um ihr Überleben bangen, hier etwas mehr Ruhe einkehren ließe?

Da sehen sich Gegnerinnen und Gegner der privaten Silvesterballerei dem Vorwurf ausgesetzt, sauertöpfische Spaßverderber:innen zu sein. Wo so viel gegen die private Feuerwerkerei spricht, fällt es doch schwer, zu entdecken, wo da der Spaß liegen soll.

Was Wild- und Haustieren, der menschlichen Gesundheit, dem Klima schadet, unsere Rettungs- und Gesundheitssysteme belastet und seinen Beschäftigten Einsatz über die Belastungsgrenzen hinaus abverlangt, ist mit Rücksichtslosigkeit wohl besser beschrieben als mit Spaß.

Pandemie, Klima- und Biodiversitätskrise, Krieg und diktatorische Regime werden uns auch im neuen Jahr vor große Herausforderungen stellen, da können wir zusätzliche Belastungen nun wirklich nicht brauchen, zumal wenn sie so leicht verzichtbar sind. Ein Hoch auf das neue Jahr, mit viel Hoffnung, dass wir die aktuellen Probleme ihren Lösungen näher bringen. Da dürfen die Sektkorken knallen, ganz laut.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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