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Roland Barthes und das N-Wort

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Von: Harry Nutt

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Der Philosoph und Schriftsteller Roland Barthes, etwa im Juni 197.
Der Philosoph und Schriftsteller Roland Barthes, etwa im Juni 197. © Sophie Bassouls/Leemage/Imago

Als „Mythen des Alltags“ 2010 erschien, wies kaum jemand auf den Gebrauch des diffamierenden Wortes hin. Die Kolumne.

Vielleicht war es das Starren auf die zahlreichen Regalwände während der Zeit im Homeoffice, die mich neulich nicht widerstehen ließen, ein längst dort abgestelltes Buch in die Hand zu nehmen. Roland Barthes „Mythen des Alltags“ gehörte einmal zu meinen „heiligen Texten“.

So bezeichnete Michael Rutschky jene Form von Literatur, zu der man als Leserin oder Leser immer wieder zurückkehrt und die das eigene Schreiben und Denken selbst dann noch prägend bestimmt, wenn man nicht gerade daraus zitiert oder darauf verweist.

Die 1957 als Buch erschienenen „Mythen des Alltags“ dienten mir, seit ich sie zu Beginn der 80er Jahre verschlungen hatte, als Lesegerät für die Gegenstände und Phänomene der modernen Welt. Die Lust zu entschlüsseln, das Verborgene hinter dem Offensichtlichen zu enträtseln, war für mich seither mit diesem Text – vor allem dem theoretischen Essay als Zusatz zu den einzelnen Fallstudien – verbunden. Das Gesicht der Greta Garbo, der Citroen DS 19 (La Déesse), die Welt, in der man catcht.

Ich las, aber noch ehe ich erneut ins Schwärmen geraten konnte, hielt ich beklommen inne. Hatte er das N-Wort wirklich geschrieben? Klar, dachte ich, ein historischer Text. Unser heutiges Verständnis von diffamierendem Sprachgebrauch existierte in den 50er Jahren nicht. Pippi Langstrumpf und Co, Sie wissen schon. Sogar die Übersetzer von James Baldwin zerbrechen sich inzwischen den Kopf, wie dessen gezielte Verwendung der N-Begrifflichkeit zu übertragen sei.

Nein, es geht jetzt nicht um ein literaturhistorisch begründetes Abwiegeln dessen, was früher einmal wie selbstverständlich gesagt wurde und heute nicht mehr über Lippen und Tastaturen gehen sollte. Roland Barthes verwendet das N-Wort keineswegs naiv.

An einer Stelle verweist er ausdrücklich auf die Arbeit seiner berühmten Kollegen Claude Lévi-Strauss und Marcel Mauss und hebt deren Verdienst im Bereich der Ethnologie hervor, Begriffe wie „Primitive“ und „archaische Kulturen“ samt deren versteckt rassistische Konnotationen überhaupt kenntlich gemacht zu haben.

Tatsächlich war das geistige Umfeld, in dem Roland Barthes sich bewegte, intensiv mit der Kritik an der Kolonialmacht Frankreich befasst, allen voran Jean-Paul Sartre. Das führte bei Roland Barthes aber wohl nicht dazu, die Verwendung des N-Worts in Frage zu stellen. Einige Male ist es in Anführungszeichen gesetzt, an anderen Stellen aber nicht. Der große Semiologe Roland Barthes also eine leichte Beute für Aktivisten der Cancel-Culture?

Ich war, als ich die Textstellen las und schnell weitere fand, beschämt. Nicht wegen der späten Enttäuschung, die mir mein großes Vorbild bereitete. Der Vorwurf, der ihm nun mühelos gemacht werden kann, betraf mich ja selbst. Im Jahr 2010 hat der Suhrkamp-Verlag die Texte in einer stattlichen Neuausgabe – erstmals vollständig auf Deutsch – herausgebracht, neu übersetzt von Horst Brühmann.

2010 gab es wohl keine Veranlassung, auf den problematischen Gebrauch des N-Wortes aufmerksam zu machen. Anstatt es heute zu monieren, versuche ich es mit Selbstbefragung. In meiner ausführlichen Besprechung in der Frankfurter Rundschau 2010 war mir das N-Wort keine Zeile wert, ich hatte es gar nicht bemerkt.

Harry Nutt ist Autor. 

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