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Reizthemen und Spaltpilze: Normaler Menschenverstand könnte helfen

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Von: Michael Herl

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Tempo 130 muss her.
Tempo 130 muss her, fordern einige. Andere halten nichts davon. © Jens Büttner/dpa

Weniger Fleisch essen, Tempolimit und Corona-Impfungen – all das entzweit die Gesellschaft. Dabei könnte man auch einfach vernünftig sein. Die Kolumne.

Eigentlich – und da fällt mir auf, so gut wie jede Kolumne damit beginnen zu können – eigentlich könnte ja vieles so viel einfacher sein. Das Problem ist, dass man jedes Mal, wenn man dies thematisiert, vieles noch viel komplizierter macht.

Bei vielen nämlich bewirkt eine auch noch so behutsame Ansprache genau das Gegenteil des Gewünschten. Sie schalten auf stur und bockig und verschlimmern die Lage eher noch, als sie zu vereinfachen. Sie glauben das nicht? Nun, Sie werden es gleich merken.

Ich werde gleich einige Themenkomplexe anführen, und Sie werden bei jedem spüren, dass es etwas mit Ihnen macht. Sie werden ein Nervenzucken verspüren, einige von Ihnen nur im hintersten Hirn, andere am ganzen Körper. Je nachdem, wie sehr sie sich betroffen fühlen. Ja, Themen können das. Manche zart wie Akupunkturnadeln, andere heftig wie Defibrillatoren. Man nennt sie deswegen ja auch „Reizthemen“.

Reizthemen und Reaktionen: Häufig nichts als Trotz

Aufreger diese Art gab es schon immer. Abgesehen von politischen Themen waren dies zum Beispiel lange Haare, der Minirock, die Beatles, die Studentenbewegung, die Wehrdienstverweigerung, die halbnackte Hannelore Elsner oder das Rauchen von Haschisch.

Doch das waren immer wenige gegen viele, eine überschaubare Schar junger Aufmüpfiger gegen die breite, behäbige und bräsige große Mehrheit, die auch gerne mal „schweigend“ genannt wurde. Reizthemen von heute sind anders. Sie spalten die Bevölkerung in zwei mehr oder weniger gleich große Teile, sie sind aber auch von viel einschneidender Bedeutung als einst die zarten Brüste einer jungen Frau.

Eine Ausnahme bildete die Studentenrevolte von 1968. Ihre gesellschaftliche Dimension kristallisierte sich erst viel später heraus. Erst die Jugendlichen in den Achtzigern konnten die Früchte ernten, die ihre Ahnen gesät hatten.

Kampf um die Verteidigung der deutschen Wurst

Die Bedeutung der heutigen großen Themen ist allen sofort klar. Entsprechend die emotionalen Reaktionen. Sie haben nichts mit dem Ergebnis reiflicher Überlegungen zu tun, sondern sind häufig nichts anderes als blanker Trotz.

Denn, jetzt mal rein nüchtern betrachtet, was spricht denn dagegen, weniger Fleisch zu essen? Wird dies irgendwo im Umkreis des Regierungsviertels von jemandem, der auch nur mit dem Pförtner des Reichstags verwandt oder verschwägert ist, lediglich in einem hingehauchten Nebensatz angesprochen, wetzen große Teile der Bevölkerung sofort die Messer und rüsten sich für den Kampf um die Verteidigung der deutschen Wurst.

Oder muss man wirklich auf den Autobahnen schneller als 130 fahren dürfen? Eine Geschwindigkeit, die sowieso nur die Wenigsten erreichen wollen oder können?

Normaler Menschenverstand hilft bei Themen wie Corona oder Tempolimit

Oder müssen wir mehrmals im Jahr in Urlaub fliegen – und das für einen niedrigeren Preis, als eine Übernachtung in Garmisch-Partenkirchen kostet? Oder kann es nicht sinnvoll sein, sich künftig regelmäßig gegen Corona impfen zu lassen? So wie wir es gegen die Grippe auch tun? Oder ist es so schlimm, im Winter in einem Raum zu sitzen, der „nur“ 20 Grad warm ist?

All diese Fragen könnten mit dem berühmten normalen Menschenverstand beantwortet werden. Die Folge wäre schlicht und einfach ein vernünftiges Handeln. Dieses aber ist uns abhandengekommen. Und es scheint sich immer mehr von uns zu entfernen. Vernunft! Wo bist Du hin?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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