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Reformen, um das Ganze zu retten

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Von: Richard Meng

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Zuggleise und Weichen.
Manchmal müssen Weichen umgestellt werden. © dpa/(Symbolbild)

Zukunftslösungen haben mit Ausprobieren und Mehrgleisigkeit statt einfachen Antworten zu tun. Die Kolumne.

Systeme machen sich gerne zum Bezugspunkt allen Denkens. Besonders einschlägig war das immer so beim Rentensystem. Mit der Pandemie wurde ein ums andere Mal die Belastung des Gesundheitssystems, speziell der Intensivstationen, zum Maßstab aller Dinge.

Inzwischen fordern auch Armee und Katastrophenschutz wieder die Systemrelevanz ein. Immer so wie sie sind: Da geht es um angeknackste Selbstbilder, Defizite beim Material, Engpässe beim Personal inklusive gelegenheitshalber aufgestockter Forderungen. Alles gerne mit Expertisen unterlegt, viele der dauermahnenden Experten kommen selbst aus den Systemen.

Krankenhausüberlastungswarnung begleitet die Coronadebatte selbst bei sinkenden Zahlen. Kindergarten- und Schulstressmahnungen flankieren jede Flüchtlingsdebatte. Und so weiter, siehe Bundeswehr. Verständlich, einerseits. Berechtigt mitunter auch. Aber stets Trittbrett fahrend.

Mit der Wiederkehr eines weltweit ausstrahlenden Kriegs steht aber nun doch die Frage im Raum, wie viel Sinn es macht, nun wieder national viele neue Panzer zu kaufen oder alte Bunker herzurichten. Da die Pandemie langsam ausläuft, wäre hinsichtlich des Gesundheitswesens eine neue qualitative statt der alten quantitativen Debatten zentral: Hat Corona nicht Systemmängel offengelegt, an denen konzeptionell gearbeitet werden müsste? Ein Mangel an Flexibilität, an Digitalisierung sowieso. Ein zu starres Verständnis von Datenschutz.

Systemtreue alleine hilft nicht. Da sind die Fragen nach einer europäischen Armee, die immer noch in den Sternen steht. Die Fragen nach der tatsächlichen Bedeutung einer Intensivmedizin, die sich als die Krone des ganzen Systems sieht. Die Fragen zu Veränderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse insgesamt, Reichtumsverteilung inbegriffen.

In der Industrie hat sich nach all den Lieferengpässen Globalisierungsfrust breit gemacht, das kehrt sich auch mit der Kanzlerreise nach Peking nicht um. Regionalisierung des Denkens wird ökonomisch modern, siehe Energieversorgung. Was die Reisebranche – Stichwort Lebensgewohnheiten – erlebt, ist mehr als ein vorübergehender Einbruch. Was Schulen und Hochschulen an Pandemieerfahrung mitnehmen, sollte ihren Routinebetrieb ändern.

Was Vereine und Verbände seit Corona-Beginn mit der Energiepreisexplosion mitmachen, verschärft, was früher die Krise des Ehrenamtes hieß. Dass Familie wieder so zum Zentrum allen Zusammenlebens erklärt werden würde, hat vor zwei Jahren niemand vorausgesagt. Dass das gemeinsame Europa nicht hinter Polen endet, auch nicht.

In diesem Umbruch steckt Positives und Negatives, meistens ist es Zwiespältiges. Gute Zukunftslösungen haben mit Ausprobieren, Überdenken, mit Mehrgleisigkeit statt einfachen Antworten zu tun. Den Anwältinnen und Anwälten der Systeme fällt das nie leicht. Weder Chefärztinnen und -ärzten noch Militärs, zumal wenn sie sich wieder als Dreh- und Angelpunkt sehen konnten.

Wie werden wir in zehn Jahren zurückschauen? Die Kinder werden ungläubig dreinblicken, wenn vom Lockdown erzählt wird. Sie werden denken: Das ist lange her. Sie werden betroffen zuhören, wenn von dem unerwarteten Krieg berichtet wird, der Leben zerstörte und manchen den Optimismus nahm.

In den Schulbüchern werden sie von Zeitenwende und Epochenbruch lesen. Die Erwachsenen aber werden, statt gestrigen rechten Phantasien nachzulaufen, hoffentlich die Erfahrung teilen, wie wichtig die Reform der Systeme ist. Weil sich nur so das Ganze retten lässt, die Idee einer erfolgreichen, freien Gesellschaft.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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