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Geld löst keine Probleme

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Von: Michael Herl

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100 Milliarden für die Bundeswehr? Der Kanzler handelt nach einem alten Reflex. Er möchte mit Geld alle Probleme lösen. Die Kolumne.

Frankfurt am Main - Eigentlich ist es ja logisch, dass an Tagen wie diesen so manches hinten runterfällt. Wie auf einem Gepäckband laufen Nachrichten, Bilder, Emotionen, Herausforderungen, Ängste, zu treffende Entscheidungen, zu teilende Schicksale, zu fällende Urteile und zu ertragendes Leid auf uns zu und verlangen unsere Aufnahmefähigkeit.

Anfangs sind wir willig und achtsam, wir nehmen auf und nehmen auf, bis wir irgendwann voll beladen sind – und schließlich überladen. Die einen eher, die anderen später. Zwangsläufig beginnen wir nun zu selektieren. Wir checken das Angebotene kurz ab und wählen aus, was uns wichtig erscheint.

Krieg in der Ukraine: Der Etat der Bundeswehr wird erhöht

Der Rest läuft weiter. Wie ein herrenloser Koffer am Flughafen kommt manches vielleicht wieder, verschwindet aber nach spätestens drei Runden aus unserem Sichtfeld und landet in einem abseitigen Irgendwo. Doch es existiert. Nach wie vor. Und es war womöglich wichtig und ist es immer noch.

Ein Beispiel dafür ist der Etat der Bundeswehr. Der soll nun um 100 Milliarden Euro erhöht werden, verkündete der Kanzler, gewiss ahnend, damit in der schockstarren Republik kaum Widerstand zu erfahren. Außerdem trieb ihn der uns Deutschen angeborene Reflex der Wohlhabenden, mit Geld alle Probleme lösen zu wollen. Wie bei reichen Eltern, die ihren um Zuneigung flehenden Kindern als Beweis ihrer Liebe das Taschengeld erhöhen.

Der Etat der Bundeswehr soll um 100 Milliarden Euro erhöht werden, verkündete der Kanzler, gewiss ahnend, damit in der schockstarren Republik kaum Widerstand zu erfahren.
Der Etat der Bundeswehr soll um 100 Milliarden Euro erhöht werden, verkündete der Kanzler, gewiss ahnend, damit in der schockstarren Republik kaum Widerstand zu erfahren. © Marcel Kusch/dpa

Ich möchte Olaf Scholz nicht mal bösen Willen unterstellen, aber Teil eins seines Plans ging auf. Seine Entscheidung wurde zwar mit leichter Verwunderung aufgenommen, doch in erster Linie wegen der Spontaneität und Nonchalance, mit der er sie traf. Sie inhaltlich zu hinterfragen, machten sich nur wenige auf. Und wenn, versanken ihre begründeten Bedenken im Sog der aktuellen Ereignisse.

Krieg in der Ukraine: Geld für die Bundeswehr war da

Fürs Protokoll deswegen hier nur mal kurz einige rasch zusammengetragene Fakten, nicht neu, aber interessant und wider das Vergessen. Nach Angaben des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri hatte Deutschland 2020 mit 52,8 Milliarden Dollar auch ohne die Erhöhung bereits den siebtgrößten Wehretat der Welt und gab mehr Geld für sein Militär aus als Staaten wie Frankreich, Kanada, Israel oder Japan – und übrigens nur 8,9 Milliarden weniger als Russland. Und die deutschen Rüstungsausgaben stiegen in den vergangenen zehn Jahren um 28 Prozent (in den USA 4,4 Prozent). Geld war also da. Viel Geld.

Dennoch beklagt die Bundeswehr seit Jahren flügellahme Kampfjets, bodengebundene Hubschrauber, krumm schießende Gewehre, rostige Panzer und fehlende Wollsocken. Und der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, jammerte noch vorletzte Woche, die Armee stehe „mehr oder weniger blank“ da.

Die Frage nach dem Warum drängt sich auf. Ebenso die Ahnung, dass Teil zwei des Kanzlerplans ins Leere gehen wird. Die Verdoppelung des Wehretats wird den Krieg weder beenden noch verkürzen noch weniger furchtbar machen. Eines hingegen hat die Maßnahme schon bewirkt. Die Aktienkurse der deutschen Rüstungskonzerne stiegen binnen weniger Tage um bis zu 89 Prozent. Die Frage, wem die 100 Milliarden wirklich zugutekommen, wäre damit also hinreichend geklärt. Aber das war und ist ja bei allen Kriegen so. Für irgendwas muss das Töten ja gut sein. Sonst macht ein Krieg ja keinen Sinn. (Michael Herl)

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