Stephan Balliet
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Das Beispiel Stephan B. zeigt, dass Deutschland den Rechtsterrorismus nicht im Griff hat

Rechtsterrorismus in Deutschland

Kleine, mordende Wichtigtuer: Es gibt einen Weg, das Töten zu stoppen

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Sie wollen sich feiern lassen für ihre Taten, die rechten Terroristen. Wenn wir ihre Netzwerke nicht verstehen, wird das Töten weitergehen. Die Kolumne.

Er wollte ein Blutbad in der Synagoge von Halle anrichten, dieser kleine Nazi und Wichtigtuer. Er wollte von der globalen Szene bewundert werden für die Zahl der Menschen, die er zu erschießen entschlossen war. Er wollte Juden umbringen, die zählen doppelt, weil sie an der Spitze des vermeintlich Bösen in der Welt stehen. Er wollte so berühmt und gefeiert werden wie der Mörder von Christchurch in Neuseeland, der 51 Muslime ermordet hat.

Aber das mit der Synagoge in Halle hat nicht geklappt. Der Nazi kam nicht rein. Die Tür war zu. Damit überhaupt eine Nachricht aus seiner Aktion wird, hat er dann zwei andere Menschen erschossen. Jetzt steht er vor Gericht, und da hat er nun ein Publikum.

Deutschland bekommt Rechtsterrorismus nicht in den Griff

Kläger, Nebenkläger, Staatsanwaltschaft, Gericht und viele Zuschauer nehmen ernst, was er getan hat. Und er, der kleine Versager, sitzt da und grinst. Er redet stundenlang seine Nazisprüche rauf und runter, nur unterbrochen von den Fragen der Richterin. Noch erschreckt ihn der Prozess nicht, erschrecken ihn nicht die Konsequenzen, falls er schuldig gesprochen wird. Noch sieht er sich auf der Bühne, auf der er seinem Versagen im Leben im Nachhinein einen Sinn abringen will.

Deutschland bekommt den Rechtsterrorismus nicht in den Griff. Nicht mit dem permanenten Täterverständnis, wenn es um Rechtsextremismus geht. Und auch nicht damit, solche Versager wie den Täter von Halle nicht gleich ernst zu nehmen. Jede dieser ins Netz gestellten Vernichtungs- und Mordfantasien ist eine potenzielle Ankündigung. Die Behörden müssen sich die Mühe machen, die Netzwerke, die Eskalation des Hasses und die Bedrohungslage besser zu analysieren. Sonst wird das nichts.

Ein persönliches Beispiel: Jeden einzelnen Tag liegen in meinem Postfach antisemitische Mails. Manche gehen an einen größeren Verteiler. Der Autor will alle Adressaten wissen lassen, wie widerlich er die Juden findet. Andere Mails beklagen, dass Deutschland zur Judenrepublik geworden sei. Angela Merkel sei Jüdin, der Zentralrat der Juden bestimme, wo es langgehe und die Juden-Stasi schaffe die Meinungsfreiheit ab. Damit bin ich gemeint.

Rechtsterrorismus in Deutschland: Netzwerke von Extremisten sind dicht gewebt

Persönlicher wird es, wenn die Mails direkt mich gerichtet sind. Juden wie ich, so heißt es, wollten die Umvolkung vorantreiben und täten das auch nur aus Geldgier. Der Tag X würde dann mein letzter sein. Die Mail mit der Unterschrift NSU 2.0“ mit antisemitischer Mordankündigung fehlt natürlich auch nicht. Das geht schon seit Jahren so. Und bleibt für alle folgenlos, die täglich Ähnliches erleben.

Die Netzwerke von Rechtsextremisten sind dicht gewebt. Nur wenn die Behörden verstehen, wie sie ineinandergreifen, kann man dagegen etwas tun. Im Moment sind wir noch weit davon entfernt. Noch begnügt man sich damit, von Einzelfällen zu sprechen. Hier ein Versager, da ein „echter“ Nazi, hier ein paar antisemitische Spinner, die lustige Verschwörungstheorien basteln. Allen gemein ist ihr Rassismus und die Vorstellung, dass die Juden den großen, bösen Plan haben.

Wenn Halle und Hanau sich nicht wiederholen sollen, wird es Zeit, nicht mehr die Augen davor zu verschließen, wie weit diese Netze gespannt sind, die langsam die Gesellschaft und die Behörden zu vergiften drohen. Sonst rühmt sich bald der nächste Nazi mit einem Massenmord. Er arbeitet garantiert schon daran. (Von Anetta Kahane)

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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