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Rechte Gewalt: Gegen das Vergessen

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Blumen und Kerzen liegen an der U-Bahn Station Olympia-Einkaufszentrums (OEZ), zwei Tage nach einem rassistischen Anschlag mit neun Todesopfern und zahlreichen Verletzten. (Archivbild)
Blumen und Kerzen liegen an der U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), zwei Tage nach einem rassistischen Anschlag mit neun Todesopfern und zahlreichen Verletzten. (Archivbild) © Sven Hoppe/dpa

Wir müssen uns mit den Opfern von rechter Gewalt beschäftigen. Alles andere hilft Menschenfeinden. Die Kolumne.

Es sind komplexe Zeiten – mit schlechten Nachrichten und schwierigen Debatten, die sich überlagern. Das ist frustrierend, ermüdend und mir stellt sich die Frage, wie über das Schwere schreiben, das gesagt werden muss. Wie die Dinge ausdrücken, dass Menschen aufmerksam werden, ohne abzustumpfen. Monat um Monat lege ich den Finger in Wunden, die übersehen werden und versuche zu berücksichtigen, dass Menschen hoffen möchten. Zur Hoffnung zählt für mich auch, etwas tun zu können. Sie hat mit Würde zu tun.

So möchte ich mit dieser Kolumne an Menschen erinnern, die aufgrund ihres Aussehens getötet und vergessen wurden. Die Aufmerksamkeit denen schenken, die um deren Würde ringen. Womit sich mein Blick auf den Abend des 22. Juli vor sechs Jahren richtet, als ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen tötete, fünf weitere verletzte und sich selbst erschoss.

Rechte Gewalt: Die Familien der Opfer fühlen sich im Stich gelassen

Wer erinnert sich an diesen Anschlag von 2016 und vor allem wie? In rechten Foren wurde er direkt als rassistische Tat gefeiert, während sich in der breiten Öffentlichkeit die Erzählung eines Amoklaufs verfestigte. Der Täter sei gemobbt worden, habe sich dafür rächen wollen, hieß es.

Jahrelang fühlten sich die Familien mit ihrem Schock und den falschen Behauptungen alleine gelassen. Die Tat wurde kleingeredet, die Hintergründe unterdrückt. Erst 2020 ändert die Stadt München die Inschrift am OEZ-Mahnmal von Amoklauf zu Attentat.

Damit schrieben sich in die Vergangenheit der Stadt München weitere Todesopfer rechter und rassistisch motivierter Anschläge ein, die seit dem Zweiten Weltkrieg zu beklagen sind. Zusammen mit den Opfern des Oktoberfestattentats von 1980 und den durch den NSU-Ermordeten Habil Kiliç und Theodoros Boulgarides 2001 und 2005 sind es nun 23. 

Rechte Gewalt: Die Geschichten der Opfer kennen

Es dauert, bis sich im kollektiven Gedächtnis etwas verändert. Und es zeigt sich, dass es dazu ein Verbinden und Wiederholen der Ereignisse braucht. So wurde der Mord an Walter Lübcke 2019, der antisemitisch motivierte Anschlag in Halle kurz danach und der rassistische Mord an neun Menschen in Hanau 2020 lautstarker thematisiert, was dafür gesorgt hat, dass die Taten erinnert werden.

Nun will auch die Initiative „OEZ ‚Für uns‘ – München 2016 erinnern“ dafür sorgen, dass Selçuk Kiliç, Sabine S., Can Leyla, Sevda Dag, Hüseyin Dayicik, Roberto Rafael, Guiliano Kollmann, Armela Segashi und Dijamant Zabërgja nicht mehr vergessen werden. Sie waren fast alle zwischen 14 und 20 Jahre alt. Sevda Dag 45.

„Die Familie ist alles, ohne Familie ist alles nichts“, lese ich in einem Artikel, in dem Guilianos Vater am fünften Jahrestag zitiert wird. Dieser Satz lässt sich auf unsere Gesellschaft als Gemeinschaft übertragen – auf unsere Verantwortung, die Geschichten der Opfer und nicht nur die der Täter zu kennen, von denen es sich schnell distanzieren lässt.

Die Autorin

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin.

Es ist wichtig, sich mit den Opfern auseinanderzusetzen und ihre Leben zu kennen. Etwa das von Guiliano, der in Deutschland als Sohn einer Sinti-Familie geboren wurde, die bereits viele Angehörige in Auschwitz verloren hatte.

Die Opfer zu vergessen, hilft Menschenfeinden. Nähe schafft Tatkraft, die es braucht, um die Gewalt ernst und sich ihr anzunehmen. Sich an die Toten zu erinnern, um wachsam zu bleiben, denn „tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“, schrieb einmal Ferhat Unvar, der am 19. Februar 2020 in Hanau ermordet wurde. Sich erinnern bedingt also die Hoffnung, etwas tun zu können. Und so wird es Zeit, die Ermordeten von München in diesen Teil unserer Gesellschaftsgeschichte miteinzuschreiben. Weil das bedeutet, sie mit Würde zu behandeln. (Hadija Haruna-Oelker)

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