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Der Fall Schlesinger und die Chance auf blühende Fernsehlandschaften

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Von: Michael Herl

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Der Fall Schlesinger darf nicht dazu benutzt werden, ARD und ZDF pauschal infrage zu stellen. Ändern könnten die öffentlichen und rechtlichen Sender aber so einiges. Die Kolumne.

Berlin – Eigentlich – gehen wir mal davon aus, dass es stimmt, was Patricia Schlesinger vorgeworfen wird – so ist das ja nichts Besonderes. Die ehemalige Intendantin des Rundfunks Berlin Brandenburg soll unter anderem Abrechnungen für Geschäftsessen frisiert, ihren Dienstwagen unerlaubt privat genutzt, sich einen Bonus zugeschustert und ihr Gehalt erhöht haben.

So what, denkt sich da der moderne Mensch, das ist doch Business as usual. Ein vollkommen normaler Vorgang. Man darf sich halt nicht erwischen lassen. Doch – jetzt kommt der wirklich dicke Hund – man sollte mit solchen Gschaftlhubereien umso vorsichtiger sein, wenn man nicht bei einer Privatfirma arbeitet, sondern bei einem Unternehmen, das, sagen wir mal, „uns allen“ gehört. In der Öffentlich-Rechtlichen Welt nämlich ist alles anders als im richtigen Leben – und das ist Fluch und Segen zugleich.

Patricia Schlesinger
Patricia Schlesinger war wegen zahlreicher Vorwürfe der Vetternwirtschaft als Senderchefin und ARD-Vorsitzende zurückgetreten. © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Der Fall der RBB-Ex-Intendantin Patricia Schlesinger 

Zunächst einmal war klar, was passiert, nämlich das, was heutzutage immer passiert. Schlesinger wurde zum Freiwild erklärt, die gesamte Schmuddelpresse und natürlich das asoziale Netzwerk bliesen zur Treibjagd. Somit war ihr Ruf schon ruiniert, bevor auch nur der Hauch einer Schuld bewiesen war.

Dann geschah etwas, das auch immer beliebter wird, der Schluss vom Einzelfall auf’s Ganze. Sehr schnell nämlich war es nicht die Person Schlesinger, die da gefehlt hatte, sondern wurde flugs das gesamte System des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks infrage gestellt.

RBB und der Fall Schlesinger: Nicht alles in Butter bei den Staatssendern

Das ist natürlich Schwachsinn und organisierte Panikmache. Doch man könnte diese Stimmung im Volk doch als Chance begreifen. Denn natürlich ist nicht alles in Butter bei den Staatssendern. Man muss sich ändern, aber bitte nicht zum Gefallen der Abschaffungsbefürworter. Bitte nicht weiter anbiedern an die Kommerzsender, nicht noch mehr alberne Spielshows, oberflächliche Unterhaltung und Wiederholungen der Wiederholungen.

Beim ZDF trauern sie immer noch den Einschaltquoten der Schwarzwaldklinik hinterher. Die Jugend index guckt Netflix oder Amazon Prime, weil man dort die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannte.
Beim ZDF trauern sie immer noch den Einschaltquoten der Schwarzwaldklinik hinterher. Die Jugend index guckt Netflix oder Amazon Prime, weil man dort die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannte. © United Archives/Imago

Dazu gehört auch unbedingt eine Neuverteilung der Gelder. Man stelle sich die Frage: Warum guckt die Jugend Netflix oder Amazon Prime? Weil man dort die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannte, während sie beim ZDF noch den Einschaltquoten der Schwarzwaldklinik hinterhertrauerten.

Die ARD hat in ihren dritten Programmen eine gewaltige Menge Sendeplatz, der derzeit großteils vergeudet wird. Denn es fehlt an Mut, mal etwas zu wagen und dafür auch Geld in die Hand zu nehmen. Mal ins Risiko zu gehen, auch auf die Gefahr, eine Bruchlandung zu erleiden. Und natürlich müssen Misserfolge als Tugend begriffen und nicht mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bestraft werden.

Der Fall Schlesinger und die Öffentlich-Rechtlichen: Chance auf Wandel nutzen

Das sind kühne Gedanken, gewiss. Und die lassen sich mit den verschnarchten Strukturen auch nicht umsetzen. Doch die Rundfunkgebühren der Bürgerinnen und Bürger sollten auch dazu da sein, Visionen zu entwickeln. Es gibt in diesem Land so viele tolle junge Filmemacherinnen und Filmemacher, im Spiel- und im Dokumentarbereich. Hört sie an, betreut sie und stattet sie aus mit Geld, mit Gerätschaften und mit qualifiziertem Personal – und lasst sie machen.

Die Zeiten des „Das machen wir nicht, denn das haben wir noch nie gemacht“ müssen vorbei sein. Das geht schon viel zu lange so. Traut Euch einfach. Traut Euch – und schon bald werdet Ihr auf blühende Fernsehlandschaften blicken. (Michael Herl)

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