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Neues Jahr, neue Vorsätze – und hohe Erwartungen. Ein Teufelskreis.
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Neues Jahr, neue Vorsätze – und hohe Erwartungen. Ein Teufelskreis.

Kolumne

Nie wieder gute Vorsätze: Warum ein Jahr nicht einfach recyclen?

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Statt ein „Neues Jahr“ sollten wir ein altes aufhübschen und ihm eine neue Nummer geben. Wir würden nicht mehr so viel erwarten. Die Kolumne.

Eigentlich handelt es sich ja bei dem Begriff „Neues Jahr“ um eine Irreführung. Was die wenigsten wissen: Jahre purzeln in einer Jahrmacherei vom Band und erhalten vor der Auslieferung eine laufende Nummer, im aktuellen Fall die 2022.

Im Grunde aber sind sie alle gleich. Sie werden schon seit Urzeiten in Serie gefertigt, sind aber alles andere als ein Erfolgsmodell. Immer wieder musste nachgebessert werden, der internationale Jahrmarkt verlangte immer neue Modelle.

„Neues Jahr“ 2022 - Eigentlich ein alter Hut

Zähneknirschend einigte man sich schließlich auf den Gregorianischen Kalender, der aber nichts weiter ist als ein fauler Kompromiss. Die zweifelhafte Güte dieses Produkts erkennt man schon daran, dass es regelmäßig zu eiern beginnt, zu quietschen und zu scheppern. Deswegen muss es alle vier Jahre nachjustiert werden; man macht das immer im Februar.

Das alles ist es bekannt. Wir wissen, das Ding ist ein alter Hut – dennoch nennen wir es „Neues Jahr“ und muten ihm eine Bedeutung zu, die seine Fähigkeiten maßlos überfordert. Dafür nämlich sind die zur Zeit handelsüblichen Jahre schlicht nicht konstruiert.

2021 - „Was war das wieder für ein Scheißjahr“

Es ist, als würden wir mit einem Hollandrad die Tour de France gewinnen wollen, uns der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens bewusst sind – es aber immer wieder probieren. Jahr für Jahr. Und dann, nach 365 Tagen, wenn aus dem neuen Jahr ein altes wird, sitzen wir sinnierend daheim und sagen: „Was war das wieder für ein Scheißjahr“ – und erhoffen uns von dem nächsten eine Verbesserung.

Um diesen Wunsch zu untermauern, denken wir uns allerlei gute Vorsätze aus, setzen uns bunte Hüte auf, zünden Feuerwerke, singen lustige Lieder und trinken billigen Schaumwein. Doch schon am folgenden Morgen verschafft uns unser brummender Schädel eine leise Ahnung davon, dass dieses „Neue Jahr“ schon wieder die hohen Erwartungen, die wir in es gesetzt haben, nicht erfüllen können wird. Es ist also „the same procedure as every year“.

Alte Jahre können wiederverwertet werden

Doch wie weg von diesem immerwährenden Kreislauf? Ganz einfach. Machen wir doch das, was wir sonst auch immer tun, folgen wir einem Trend – und zwar dem der Wiederverwertung. Autoreifen lassen wir ja schon lange runderneuern, auch säubern wir unsere Popos mit Papier aus Zeitungen von vorgestern, kaufen Klamotten aus „second hand“ oder zerschredderten Plastikflaschen und lassen uns anderer Leute Haare in den Schopf flechten oder deren Nieren in den Leib nähen.

Mittlerweile aber nehmen auch Einrichtungshäuser gebrauchte Regale zurück und möbeln sie wieder auf, zahlen Jugendliche mehr Geld für zerlatschte Turnschlappen als für neue, und ein generalüberholtes Smartphone heißt nun „refurbished“ und gilt als das Obercoolste schlechthin.

Nie wieder gute Vorsätze - Das Jahr einfach recyclen

Da liegt es doch auf der Hand, auf das zu verzichten, das wir schon lange als olle Kamelle entlarvt haben, das „Neue Jahr“. Nehmen wir doch ein altes, hübschen es ein wenig auf, geben ihm eine neue Nummer – und schon wissen wir, was wir haben.

Somit wären wir gefeit vor unliebsamen Überraschungen, könnten uns alle guten Vorsätze sparen, und die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers müsste erst bei einem Regierungswechsel neu eingesprochen werden. Einen Nachteil aber hätte die Sache: Wir könnten am Ende eines Jahres nicht mehr das vergangene bejammern.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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