Der Reisepass wurde von vielen Deutschen dieses Jahr nicht genutzt.
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Der Reisepass wurde von vielen Deutschen dieses Jahr nicht genutzt.

Kolumne

Zum Tag der Deutschen Einheit: Raus aus dem Schneckenhaus

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Corona hat viele Wessis zu Ossis in den Urlaub fahren lassen. Beide haben dabei gelernt. Die Kolumne.

Selten war ein Reisepass so nutzlos wie in diesem Jahr. Vor Corona stand uns mit dem purpurroten Ausweisdokument, von dem sich die goldenen Lettern „Europäische Union“ und „Bundesrepublik Deutschland“ so nobel abheben, nahezu die Welt offen. Fast überall kamen wir damit hin.

Aber was die globale Klimakrise nicht vermochte, hat die Pandemie schlagartig geschafft. Sie hat das Fernweh gedämpft, reihenweise Fluggesellschaften lahmgelegt und die sonst in vielen Ländern dieser Erde mir-nichts-dir-nichts ausgestellten Touristenvisa außer Kraft gesetzt.

Der bundesdeutsche Pass garantiert keine Reisefreiheit

Dreißig Jahre lang zählte der bundesdeutsche Pass als Errungenschaft der Wiedervereinigung, die selbst DDR-Nostalgiker zu schätzen wussten. Ausgerechnet in diesem Jubeljahr hat sich herausgestellt, dass sein Besitz allein noch keine Reisefreiheit verbürgt, und wenn überhaupt, dann meist in Verbindung mit Quarantäneauflagen oder Sondergenehmigungen. Infektionsschutz hat Vorrang, macht ja auch Sinn.

Paradoxerweise hat die innerdeutsche Einheit davon profitiert. Wenn mich nicht alles täuscht, haben in diesem Sommer noch nie so viele eingefleischte Wessis – 17 Prozent von ihnen laut Soziologenschätzung zum allerersten Mal im Leben – den tiefen Osten der Bundesrepublik erkundet. Voran die Rheinländer, die – sofern kein Strandkorb an der Ostsee zu ergattern war – mit der Mecklenburgischen Seenplatte vorliebnahmen.

Wessis im ostdeutschen Flachland

Jedenfalls begegneten wir auf unserer Urlaubsfahrt zu den entlegenen Winkeln der Müritz dauernd Autokennzeichen aus Nordrhein-Westfalen. Und bingo, auch die netten Nachbarn in der Ferienwohnung nebenan entpuppten sich als Bonner. „Nä echt“, schwärmten sie nach Rückkehr von ihren täglichen Fahrradtouren, „landschaftlich ist dat schon schön hier, nur eben ein anderer Menschenschlag wie bei uns zuhuss.“

Die eher wortkarge Mentalität der Einheimischen im ostdeutschen Flachland ist rheinischen Frohnaturen nun ja – sagen wir mal - eher fremd. Aber zumindest strengten sich Gäste und Gastgeber mächtig an, nicht als Besserwessis oder Jammerossis zu erscheinen. Positive Nebenwirkung eines Virus, das die Ost-West-Befindlichkeiten im dreißigsten Jahr der Wiedervereinigung aufgemischt hat.

Usedom und Rügen statt Mallorca

Usedom und Rügen liefen selbst Mallorca als beliebtes Urlaubsziel den Rang ab. Was eben auch damit zu hat, dass die nicht mehr ganz so neuen Bundesländer auf der Corona-Landkarte weitflächig im grünen Bereich geblieben sind.

„Endlich mal ein Standortvorteil gegenüber eurem in dieser Hinsicht recht roten Bayern“, sage ich einer Freundin in München, mit der ich ab und an am Telefon die Weltlage erörtere.

Dem gering infizierten Umland haben wir in Berlin schließlich zu verdanken, trotz feierwütiger Partyszene bislang glimpflich weggekommen zu sein. „Vergiss mal nicht die braunen Flecken in eurem Umland“, gibt sie zurück und verweist auf den mit AfD-Hochburgen übersäten Osten. „Stimmt“, erwidere ich, „nur immun ist der Westen nicht. Die Netzwerke der Faschos in Uniform sind doch in Hessen und Nordrhein-Westfalen aufgeflogen.“

Mit dem Sachsenprodukt Pegida und der im Schwabenland gestarteten Bewegung der Corona-Leugner hätten wir noch weitere parallele Phänomene. Besser, wir wechseln das Thema. Wir wollen ja keine Jammerwessis werden.

Die deutsche Einheit ist zwar kein Sommermärchen, aber wahrlich nicht die dunkelste Stunde im hiesigen Herbst. Man muss nur raus aus seinem Schneckenhaus. Geht zum Glück innerdeutsch ohne Reisepass.

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