Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

In Gaststätten gibt es Zuflucht, Trost, Durstlinderung und Sättigung, Information, Rast auf Reisen, Austausch unnützen Wissens, gute Gespräche und dummes Gebabbel. Früher oft bei einer Zigarette.
+
In Gaststätten gibt es Zuflucht, Trost, Durstlinderung und Sättigung, Information, Rast auf Reisen, Austausch unnützen Wissens, gute Gespräche und dummes Gebabbel. Früher oft bei einer Zigarette.

Kolumne

Rauchgeschwängerte Luft

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
    schließen

Ich wäre gerne Stammgast des Gastwirts Wolfgang W. gewesen. Aus Hochachtung wurde ich es nicht. Die Kolumne.

Eigentlich hätte ich wenig Anlass, den Tod des Gastwirts Wolfgang W. zu betrauern. Ich kannte ihn nicht, in seinem Lokal war ich nie. Dennoch machte mich die Kunde seines Ablebens betroffen. Wirtinnen und Wirten bin ich generell tief verbunden, denn ihre Gaststätten prägten mein Leben.

Als Kind schon beschlich mich dort ein heimeliges Gefühl. Der Geruch von alten Männern und ihren Zigarren, das war für mich die weite Welt der Erwachsenen. Die biertriefenden Steinhumpen hatten etwas Wollüstiges, die furztrockenen Dauerbrezeln etwas Köstliches und die Schreiereien beim Kartenspiel etwas bedrohlich Faszinierendes. Seither zieht es mich immer wieder dorthin.

In Gaststätten fand ich Zuflucht, Trost, Durstlinderung und Sättigung, Information, Rast auf Reisen, Austausch unnützen Wissens, gute Gespräche und dummes Gebabbel. Ich feierte dort Geburten und betrauerte Tote, schwänzte Schulstunden, leckte Wunden, guckte Fußballspiele, ertränkte Sorgen und heulte nicht vorhandene Monde an.

Schließlich nahm dort auch so manche aufregende Nacht ihren Anfang und so manches längere Miteinander ein Ende. Ich wüsste gerne, wie viel Zeit meines Lebens ich in Kneipen, Kaschemmen, Wirtshäusern, Lokalen, Pinten, Beiseln, Schänken, Tavernen, Beizen, Pubs, Bars, Bistros und Restaurants verbracht und wie viel Geld ich auf deren Tresen gelegt habe.

Das Ergebnis würde wahrscheinlich ein zweifelhaftes Licht auf mich werfen und auf ein verkorkstes Dasein schließen lassen. Da sieht man mal wieder, wie fragwürdig statistische Erhebungen sind – denn das glatte Gegenteil ist der Fall. Der Aufenthalt in rauchgeschwängerter Luft hat mich nachgerade prächtig gedeihen lassen.

Das war das Verdienst von Menschen wie Wolfgang W. Er führte eine Wirtschaft, in der ich gerne Stammgast gewesen wäre. Vieles hatte ich darüber gehört in den letzten Jahrzehnten. Ein brummeliger, wortkarger Mensch soll er gewesen sein, einen kantigen, ehrlichen Apfelwein gekeltert und eine nur kleine, aber ausgesuchte Auswahl an deftigen Speisen vorgehalten haben. Legendär war seine „Handkäs-Schublade“ im Buffet.

Also alles wie für mich gemacht – auch wenn ich Apfelwein nicht sonderlich mag. Seinen aber hätte ich gerne getrunken. Warum ich dennoch nie da war? Aus Hochachtung.

Denn was hätte ich da denn gesollt? Mich zu Leuten setzen, die dort schon seit Jahrzehnten sitzen, teils Tag für Tag? Die sich kennen, inwendig und auswendig? Sagen „Gude, ich bin jetzt einer von euch?“

Ich wäre mir vorgekommen wie die Asiaten, die in Frankfurter Gaststätten strömen, um dort die Schlachtplatten zu fotografieren. Oder wie die Frauen, die sich mit blankem Busen an griechische Strände legen. Oder die Männer, die mit kurzer Hose italienische Kirchen betreten. Wie ein Eindringling, der keinen Respekt vor der kleinen Welt anderer zeigt. Heute meinen alle, immer alles haben zu dürfen. Das ist falsch.

Wolfgang W. hatte sein Lokal vor bald siebzig Jahren von seinem Großvater übernommen. Vor zwei Jahren schloss er es. Nun ist er gestorben. 89 Jahre wurde er alt, ein für einen Gastronomen nahezu biblisches Alter. Das spricht für ein erfülltes Leben. Hätte ich sein Gast gewesen sein dürfen, ich wäre mein Lebtag stolz darauf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare