Denkmal zur Erinnerung an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama (etwa 1904 bis 1907) im Zentrum der namibischen Hauptstadt Windhuk. Die Inschrift laut übersetzt etwa: „Ihr Blut nährt unsere Freiheit“.
+
Denkmal zur Erinnerung an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama (etwa 1904 bis 1907) im Zentrum der namibischen Hauptstadt Windhuk. Die Inschrift laut übersetzt etwa: „Ihr Blut nährt unsere Freiheit“.

Kolumne

Rassismus ist mehr als ein Wort – Er beeinflusst uns alle subjektiv

  • Hadija Haruna-Oelker
    vonHadija Haruna-Oelker
    schließen

Wie bringen wir alltägliche rassistische Gewalt angemessen zur Sprache? Wie wird Erinnerung erfahrbar? Die Kolumne.

  • Rassismus und Diskriminierung werden heute stärker in Deutschland diskutiert.
  • Doch ändert sich nach Taten wie in Halle und Hanau tatsächlich etwas?
  • Auch bei der Aufarbeitung von Kolonialgeschichte muss ein Umdenken stattfinden.

Rassismus ist up to date. Fast alle machen jetzt etwas mit, über oder zu Rassismus. „How to be an Antiracist“ heißt passend dazu das kürzlich auf Deutsch erschienene Buch von Ibram X. Kendi. Und jetzt bitte nicht falsch verstehen. Ich freue mich, dass mehr über unser gesellschaftliches Problem nachgedacht wird als je zuvor. Dass über Privilegien gesprochen wird und wie sie gesellschaftlich verteilt sind.

Doch ein Jahr nach Halle, knapp acht Monate nach den Morden in Hanau und knapp fünf Monate nach den Protesten um den gewaltvollen Tod von George Floyd frage ich mich, was sich außer in den Köpfen jetzt spürbar für Menschen wie mich verändern wird.

Widerstand und Empowerment: Zwei wichtige Begriffe im Kampf gegen Rassismus

„Wir haben keine Zeit“, sagte kürzlich die Kulturwissenschaftlerin Noa K. Ha bei der Eröffnung der Frankfurter Rassismus-Ausstellung im Historischen Museum. Denn parallel zur dringend nötigen Reflexion formieren sich seit Jahren neonazistische, völkische Strömungen, tauschen sich Rassisten in Polizei-Chats aus und wurden allein 2017 laut Bundeskriminalamt 248 000 rassistisch motivierte Gewalttaten gezählt.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“ lautet nun der Titel der Ausstellung im Historischen Museum. Sie will sichtbar machen, was viele nicht sehen, kennen und fühlen. Auch die Bildungsstätte Anne Frank beschäftigt sich als Kooperationspartnerin mit Perspektiven, die sonst zu kurz kommen. Zum Beispiel mit dem Widerstand von Menschen wie Kwelle Ndumbe, der 1896 mit anderen Menschen und geraubten Kunstwerken aus der damaligen deutschen Kolonie Kamerun zu einer Ausstellung nach Berlin gebracht wurde. Der, während ihn das Publikum in der Ausstellung begaffte, mit einem Opernglas zurückblickte. Sein stiller Widerstand.

Widerstand und Empowerment: zwei wichtige Begriffe, wenn es um das Auseinandersetzen, das Verarbeiten, das Leben mit Rassismus geht. Es gilt zu verstehen, dass Rassismus niemals objektiv sein kann, weil er uns alle, ob davon betroffen oder nicht, subjektiv beeinflusst.

Rassismus: Immer wieder „Einzelfälle“

Aufzuarbeiten hieße, die Vergangenheit mit unserer postkolonialen Gegenwart zu verbinden. Denn „post-“ heißt nicht, dass es vorbei ist. Heute geht es um Grenzregime und Flucht, um rassistisch motivierte Polizeigewalt, um unzählige Alltagserfahrungen und Gewalt. Wie kann es sein, dass nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten am vergangenen Sonntag wieder über „Einzelfälle“ sinniert wird?

Wir brauchen in Deutschland neue Wissensbestände und neue Worte für das, was wir erleben. Es nutzt nichts, sie nur aus den USA zu kopieren. Und es nutzt noch weniger, wenn sich jetzt alle Rassismus und Dekolonisierung auf die Fahne schreiben, aber nicht wissen, was das praktisch bedeutet.

Rassismus: Darstellung von Kolonisierten in Museen überdenken

Nehmen wir das Museum als Beispiel. Woran sich erinnern, wenn es ein ideologisches System gab, das bestimmte Geschichte „entinnert“ hat, wie Ha es beschreibt? Wie Privilegien zurückgeben, unser Denken dekolonisieren? Es hieße, sich zu weigern, veraltete museale Ansichten zu reproduzieren, die man nicht bewahren will, und die Geschichte(n) trotzdem zu erzählen.

Was erwarten Sie, wenn Sie vor einer Vitrine stehen, die die einstigen Völkerschauen oder die Forschung an Gebeinen einst Ermordeter Herero und Nama aus Namibia thematisiert? Erwarten Sie Knochen, Schädel oder entsetzliche Bilder von Menschen? Wie aber wäre es, wenn die Vitrine leer bliebe oder die Bilder von den Ausgestellten selbst ausgesucht worden wären?

Ein Fortschritt wäre, die Praxis des Ausstellens so zur Diskussion zu stellen, dass sie die Betroffenen, die „Entplünderten“, wie Ha sie nennt, die Nachkommen der Kolonisierten in den Fokus rückt. Es geht darum, Kulturgeschichte neu zu schreiben. (Hadija Haruna-Oelker ist Autorin.)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare